Projekte

Deutscher Orgeltag

Gleichzeitig mit dem “Tag des offenen Denkmals” - also am ersten Sonntag im September - findet der “Deutsche Orgeltag” statt. Die Initiative der VOD trägt seit 2011 mit dazu beit, das Thema “Orgel” wieder verstärkt in das öffentliche Bewußtsein zu rufen. Nähere Informationen unter www.orgeltag.de.

 

BDO/VOD Spieltischnorm 2000

Als Ergebnis einer gemeinsamen Tagung von VOD und BDO in Bremen im Juni 2000 konnte ein neues Normenwerk für Orgelspieltische vorgestellt werden, das die technologischen Entwicklungen in diesem Bereich erstmals mit ergonomischen Anforderungen und Erkenntnissen verknüpft.

spieltisch-8.jpgDie klingende Gestalt, die äußere Form und der innere Aufbau einer Orgel sind so vielfältig wie die Räume, in denen sie stehen, und die Menschen, die sie planen und spielen. Trotzdem ist es sinnvoll, dass der Orgelbau sich an bewährten musikalischen, technischen, ästhetischen und funktionalen Regeln orientiert. Die Spielanlage einer Orgel als direkte Schnittstelle zwischen Künstler und Instrument steht in einem besonderen Spannungsfeld zwischen Ausdrucksmittel und Arbeitsplatz: Hier sollen Regeln einerseits die Intentionen und die Kreativität der jeweiligen Nutzer und Erbauer nicht einschränken, andererseits durch sinnvolle Verabredung von Maßen und Zugriffsmöglichkeiten für die Spieler und Spielerinnen ein vertrautes Umfeld herstellen und die Anwendung ergonomischer Erkenntnisse sicherstellen.

Die VOD/BDO-Norm 2000 baut auf den 1972 durch den Normenausschuss des BDO, zu dem Orgelsachberater wie Orgelbauer gleichermaßen gehörten, herausgegebenen Orgel-Spieltisch-Normen auf, die seinerzeit die parallel existierenden Normen des BDO von 1931 und die Normen des Internationalen Regulativs für Orgelbau, des so genannten Wiener Regulativs, von 1909 ersetzten. Mehrere Gründe führten zu der jetzigen Neufassung: Die 1972 festgelegte Form der Pedalklaviatur und ihre Lage zu den Manualen wurde vielerorts nicht akzeptiert, bis 1990 galt in den neuen Bundesländern eine eigene zu DDR-Zeiten festgelegte Spieltischnorm, der Einsatz elektronisch gesteuerter Bedienelemente im Orgelspieltisch hat sich deutlich fortentwickelt und es liegen mittlerweile fundierte Erkenntnisse zur Ergonomie von Orgelspieltischen vor. Besonders letzter Punkt hat das jetzige Normenwerk entscheidend mitgeprägt.

Die Initiative zur Normenüberarbeitung ging zu einem großen Teil von Orgelbaumeister Otto Heuss (1999), Lich, aus. So verabredeten im Jahr 1998 die Vorstände von BDO und VOD eine Arbeitsgruppe, dem die jeweiligen Vorsitzenden, die Orgelspieltisch-Hersteller sowie Organisten und Sachverständige angehörten. Zur Mitarbeit per Fragebogen aufgefordert waren weiterhin sämtliche Ausbildungsstätten für Orgelspiel in der Bundesrepublik Deutschland, sämtliche Ämter für Kirchenmusik der evangelischen und katholischen Kirche in Deutschland, alle innerhalb des Bundes Deutscher Orgelbaumeister und der Vereinigung der Orgelsachverständigen Deutschlands organisierten Personen und viele weitere Sachberater. Anlässlich der Bremer Tagung wurde ein erster neuer Entwurf für die Normen von etwa achtzig Orgelsachverständigen und Orgelbaumeistern diskutiert und ergänzt. Die Verabredungen und Entscheidungen fanden dabei durchweg eine große Mehrheit. Die Endredaktion der Normen-Broschüre erfolgte im Dezember 2000.

Wie die bisherigen so gelten auch die jetzigen Normempfehlungen ausschließlich für neu zu erbauende Orgeln, bei den unter Denkmalschutz stehenden Instrumenten werden sie aus verständlichem Grund nicht angewandt. Den Kirchenleitungen wird empfohlen, die neue Norm zur Grundlage von Angebotseinholungen und Auftragsvergaben zu machen.

Die ‘Spieltischnormen 2000′ können über den Buchhandel (ISBN 3-921 848-10-5) oder direkt vom Orgelbau-Fachverlag Rensch in 74348 Lauffen a.N. bezogen werden.

 

Kleine Orgeln - ganz groß

An Pfingsten 1998 wurde unter großem Interesse der Medien im Tagungshaus der Evangelischen Akademie Baden in Bad Herrenalb die bis dahin europaweit größte Ausstellung von Pfeifenorgeln eröffnet. Über 30 Instrumente unterschiedlicher Größe waren von Orgelbaufirmen aus dem ganzen Bundesgebiet aufgestellt worden und dienten als Anschauungs- und Diskussionsobjekte.

ochsenhausen-orgel.jpgViel Orgel für wenig Geld das ist der Traum jeder Orgel beschaffenden Kirchen- oder Pfarrgemeinde - und der Alptraum vieler Orgelbauer. Nachdem in den vergangenen Jahrzehnten die Preise pro Register durch Qualitätssteigerungen weit deutlicher als die Inflationsrate angestiegen sind, bleibt kleineren Kirchengemeinden ohne Börsenmakler im Orgelförderverein bei der Suche nach einem finanzierbaren Tastenmöbel oft nur die Wahl zwischen Positiv und Negativ (pardon: Orgelersatzgerät).

Positive, handwerklich und musikalisch zwar oft exquisit gestaltet, verbreiten, wenn als Hauptinstrumente in Gebrauch befindlich, in den Augen und Ohren der Normalverbraucher häufig den Anschein des Sparsamen, Zweitklassigen, Unvollkommenen. Der richtige Orgelsound will mit den typischen steilen Positiv-Dispositionen nicht so recht aufkommen - es wird zwar der Intellekt befriedigt, der Bauch jedoch nicht. Dazu kommt, daß die auf üblichen Kleinorgeln darstellbare Orgelliteratur zwar vom Früh- bis zum Neobarock reicht, jedoch unter weitgehender Auslassung der zwischen diesen Polen befindlichen Stilepochen.

Der Schritt vom Positiv zur Orgel vollzieht sich hörbar mit dem Einbeziehen von Prinzipal 4´ oder noch besser, Prinzipal 8´ in die Disposition. Überraschend wichtig für ein geschlossenes, abgerundetes Klangbild kleiner Instrumente ist zudem das möglichst frühe Hinzutreten der Prinzipalquinte 2 2/3´ und selbstverständlich der Subbaß 16´ im Pedal. In der üblichen Bauweise bedeuten gerade das Hinzufügen zusätzlicher 8´- oder gar 16´-Register in eine Positiv-Disposition einen Quantensprung hinsichtlich Platzbedarf und Kosten.

Im Orgelbau sind seit Jahrhunderten Konstruktionen und Einrichtungen bekannt, die darauf zielen, das Pfeifenwerk möglichst vielseitig zu nutzen und die Klangwirkung mit wenig Aufwand zu steigern. In der Renaissance waren bereits Transmissionen und Vorabzüge im Gebrauch, Wechselschleifen, Oktavauszüge und Oktavkoppeln gesellten sich hinzu, bis das Multiplexsystem den Simplifizierungsgedanken auf die Spitze trieb. Den Mehrfachnutzen erkaufte man sich allerdings häufig mit einer Verkomplizierung der Technik, was zu einer erhöhten Störungsanfälligkeit und schließlich auch zum Ausfall der Instrumente führte: In die Abgründe der Eingeweide eines „Oskalyds“ wagen sich nur noch wenige Abenteurer vor. Die technischen und musikalischen Auswüchse gerade der Multiplexorgeln führte allerdings mit der Orgelbewegung dazu, daß auch bewährte Konstruktionen in Verruf und Vergessenheit gerieten.

Auch heute wäre es angesichts solcher Erfahrungen fahrlässig, manche raffinierten Windladenkonstruktionen allzu historisierend anzugehen (etwa gespundet). Die Chance für den Bau vielseitiger, robuster und preiswerter Kleinorgeln liegt im Wiederentdecken und der sinnvollen Kombination von Techniken und Konzepten mit dem Ziel, durch geringstmöglichen technischen Zusatzaufwand größtmögliche musikalische Vielseitigkeit zu erreichen.

Vorbilder für überzeugende, technisch und klanglich bewährte Orgel-Sparmodelle lassen sich über Jahrhunderte zurückverfolgen. Serienfertigungen kleinerer Instrumente sind schon bei Arp Schnitger und den Silbermännern zu finden und wurden im 19.Jahrhundert vor allem in den U.S.A. perfektioniert: Die durch die ungeheuren Einwandererströme entstehenden unzähligen neuen Gemeinden des Westens verlangten tausende preiswerter, robuster und klangstarker Kleinorgeln. Große Orgelfabriken, oft unter deutscher Leitung[1], kamen diesem Wunsch nach und produzierten einfache mechanische Schleifladenorgeln mit standardisierten Dispositionen:

Heinrich Berger, Baltimore, 1855

Manual

Stopped Diapason 8′ (C-e0)
Open Diapason 8′ (ab f0)
Stopped Diapason 8′ (ab f0)
Dulciana 8′ (ab f0)
Principal 4′
Fifteenth 2′
Pedal Bourdon 16

Instrumente dieses Typs wurden zu Hunderten gefertigt. Sie waren äußerst robust, kompakt und dadurch leicht zu transportieren. Im Unterteil des Instrumentes befanden sich Windlade, Trakturen, Klaviaturen und Bälge als fest montierte Einheit, am Aufstellungsort mußten nur noch die Teile des Obergehäuses aufgesteckt und die Pfeifen eingestellt werden. Ergänzt wurden die Instrumente fast immer durch einen Subbaß 16´ im Pedal, gelegentlich durch eine Superoktavkoppel im Manual. Der Klang dieser Orgeln überrascht, da er farbig, tragend und voll zugleich ist, selbst in der typischen Wohnzimmerakustik amerikanischer Holzkirchen. Der oft extrem weit mensurierte, aber mit niedrigem Aufschnitt versehene Bass des Gedeckt ist dezent genug, um den Diskant des Streichers nicht zu übertönen, wächst jedoch auch genügend mit, um als Fortsetzung des kräftigen Open Diapason fungieren zu können.

Dieser Orgeltyp und auch hiesige 1-manualige Dorforgeln des 19. Jahrhunderts bieten Vorteile, welche übliche Positive auf Prinzipal 4´- oder gar 2´-Basis kaum zu bieten haben: Die 8´-Lage ist mehrfach vertreten und läßt ein größeres Klangfarben- und Dynamikspektrum für Gemeinde- und Instrumentalbegleitung zu, auch wenn die unterschiedlichen 8´-Stimmen teilweise nicht bis in die Baßoktave hinein mit eigenen Pfeifen besetzt sind. Basis für einen runden und warmen Orgelklang ist dabei der Prinzipal 8´, der wie der übrige Prinzipalchor ebenfalls recht weit mensuriert ist.

Anläßlich der Kleinorgel-Tagung und Ausstellung der VOD und des BDO an Pfingsten 1998 in Bad Herrenalb wurden mehrere Instrumente vorgestellt, die diese Grundidee aufgriffen. Ziel dabei war es, ausgehend von den Baugrößen, Register- und Pfeifenzahlen üblicher 4´-Positive Instrumente zu schaffen, die die klanglichen Möglichkeiten weit größerer Orgeln beinhalten. Die vorgestellten Orgeln lassen sich in guter handwerklicher Qualität in einem Preisrahmen von 50-60.000 Euro erstellen einer auch für kleine Gemeinden in der Regel noch überschaubaren finanziellen Größenordnung.

Die vorgestellten Kleinorgeln sollen und wollen kleinere Instrumente der üblichen Bauweise mit vollständig ausgebauten Registern und ohne Windladen-Spareinrichtungen wie Transmissionen keinesfalls ersetzen. Es gibt jedoch eine wachsende Zahl von Fällen, in denen ökonomische und musikalische Flexibilität und Effizienz Voraussetzung für den Kundenzugang darstellen. Es ist gut, daß der Pfeifenorgelbau mit Konzepten reagieren kann, die - höchste Qualität handwerklichen und klanglichen Schaffens vorausgesetzt - eine überzeugende Alternative im sich wandelnden, offeneren und vielfältigeren Markt bieten.

Zur Tagung ist ein 128-seitiges Buch mit dem Titel ‘Kleinorgeln’ erschienen, welches die verschiedenen Konzepte ausführlich beschreibt. Es ist für nur 5€ über den Autor direkt zu beziehen (martin.kares@ekiba.de)