Der letzte Pfiff

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Die Situation des Orgelbaus in Deutschland
zu Beginn des 21. Jahrhunderts

Eine gewagte These zum Einstieg: Der deutsche Orgelbau hat mit der Jahrtausendwende seinen Zenit überschritten: Schätzte der Bund deutscher Orgelbaumeister 1998 noch, dass es in Deutschland knapp 2.400 Beschäftigte in etwa 200 Orgelbaubetrieben gab, geht er aktuell nur noch von 2.200 Beschäftigten aus. Im gleichen Zeitraum sank das Brutto-Auftragsvolumen von 100 auf etwa 90 Millionen Euro. Im internationalen Vergleich ist dies dennoch nach wie vor viel. Das Nachbarland Frankreich etwa erreicht nur etwa 15% zum Beispiel der Beschäftigtenzahlen.

Noch sind die deutschen Orgelbauer Export-Weltmeister. 20-25% des Auftragsvolumens geht an ausländische Kunden - wobei allerdings die großen Orgelteile-Zulieferer hier den weitaus größten Teil des Aufträge einfahren. So manche Orgel auf dem nordamerikanischen Kontinent wurde zwar vollständig in fränkischen Werkstätten hergestellt, trägt jedoch das Orgelbauer-Namensschild eines lokalen Vertriebsmannes, der anschließend bestenfalls für den Service gerade steht. Besonders kleinere Orgelbaubetriebe sind dagegen vollständig auf den innerdeutschen Markt angewiesen.

Weitere knapp 10% des Auftragsvolumens entfallen auf staatliche oder kommunale Auftraggeber. Gut 2/3 des zu verteilenden Auftragkuchens backen jedoch die Kirchen. Hier wird deutlich, weshalb in vielen Orgelbauwerkstätten zurzeit Krisenstimmung herrscht: Alle Diözesen und Landeskirchen haben angesichts der lang anhaltenden Wirtschaftsschwäche und dem Damoklesschwert einer vorgezogenen Steuerreform größte Schwierigkeiten, ihre Haushalte auszugleichen. Wartungskosten für Orgeln gelangen in das Visier von kirchlichen Rechnungsämtern und Finanzexperten, es werden feste Wartungssätze vorgeschrieben, die Vergabe von preisgünstigerer Sammelwartungsverträge wird geprüft. Die Einsparungen bei Wartung, Pflege und Unterhalt treffen viele Betriebe doppelt, ist es doch ein offenes Geheimnis, dass Orgelneubauten häufig mit kräftigen Überschüssen aus dem Pflegebereich subventioniert werden.

Mehr noch: In den Kirchengemeinden kopiert man einerseits die Fundraising-Konzepte von Orgelfördervereinen zur Finanzierung von Aktivitäten, die plötzlich nicht mehr aus dem Etat gezahlt werden können - mit der Folge, dass die selbe Kuh sich nicht zweimal melken lässt -, oder es ist plötzlich die gleiche allgemeine lähmende Verunsicherung zu spüren, die in weiten Teilen der Gesellschaft schon seit einiger Zeit zu beobachten ist: Anstehende Projekte werden immer wieder verschoben, die Bereitschaft für längerfristige Bindungen und Anstrengungen sinkt - mit fatalen Auswirkungen auf Orgelfördervereine oder Orgelbauverträge mit mehrjähriger Laufzeit.

Zuweilen scheint es, dass den deutschen Orgelbaufirmen schleichend die Kompetenz für den Bau großer Konzertorgeln abhanden kommt - zumindest wenn man den Ausführungen zahlreicher der meist professoralen Orgelgrößen und ihrer Adepten lauscht. Kaum eine Großorgel in deutschen Hochschulen und Domen, bei deren Ausschreibung zum Neubau man sich nicht des Eindruckes erwehren konnte, dass einheimische Orgelbaufirmen nur noch Feigenblattfunktion innehatten - vor allem Firmen aus der Schweiz, aus Österreich und Skandinavien genossen die Gunst der Stunde. Die aktuellen Trendsetter suchen das neueste Orgelheil sogar jenseits des Atlantiks. Die Entwicklung gipfelte bislang darin, dass der Vorstand des Bundes Deutscher Orgelbaumeister bereits zweimal alle evangelischen und katholischen Bischöfe schriftlich aufforderte, sich für die Vergabe von Orgelbauaufträgen ausschließlich an heimische Bewerber zu verwenden.

Hat die Unterstellung, neuzeitlicher Orgelbau in Deutschland habe sich doch eher zum Provinziellen entwickelt, einen realen Hintergrund? Mit den Umbrüchen in der Weltwirtschaft und der Globalisierung werden tatsächlich Werte, Leistungen und Errungenschaften traditionellen Handwerkertums in Frage gestellt, die gerade in Deutschland einen hohen Ausbildungs- und Qualitätsstandard sicherstellten und die das Qualitätssiegel „Made in Germany” prägten.

Bisher konnte man die Orgelbauwerkstätten in Deutschland in drei Hauptkategorien einteilen:

Traditions-Betriebe: Viele Orgelbaubetriebe hierzulande sind traditionell streng hierarchisch strukturiert. Es gibt eine häufig unumstößliche Rang- (und Hack)ordnung: Oben der Chef, dann die Altmeister und Altgesellen, am Ende Junggesellen und Lehrlinge. Aufstiegsmöglichkeiten und Einfluss im Betrieb verhält sich proportional zur Dauer der Zugehörigkeit - junge Talente laufen gegen Wände. Auch Besonderheiten unserer Sozialgesetzgebung - von der wir alle eigentlich profitieren - trägt einen Teil zu dieser Situation bei, da bei einer notwendig werdenden Kündigung von Mitarbeitern die Betriebszugehörigkeit letztlich mehr zählt als Qualifikation und Engagement.

Gründerzeit-Betriebe: In den 50er bis 70er Jahren machten sich im Zuge der Orgelreformen des Neobarock zahlreiche junge Orgelbauer selbständig. Diese Firmen konnten in einer Phase wachsen und erfolgreich werden, in der großer Wiederaufbaubedarf bestand und Geld bei den Kirchen in der Regel vorhanden war. Ein eigener Orgelstil konnte entwickelt und bei entsprechendem Geschäftssinn und den richtigen Kontakten auf dem stetig wachsenden Markt etabliert werden, eine wachsende Zahl von Pflegeverträgen stabilisierte das Unternehmen. Bei der Unternehmensstruktur orientierten sich die Neubetriebe gerne an den mittelständischen Vorbildern, aus denen sie häufig ja auch entsprangen. Langzeitqualität und künstlerischer Anspruch waren häufig nicht Kennzeichen der die Werkstätten verlassenden Produkte Manchmal reichte jedoch der Elan und das Charisma des Betriebsgründers gegen Ende des Neobarock noch aus, die Weichen in eine qualitätvollere Zukunft zu stellen. Der gegenwärtig stattfindende Wechsel von den Gründervätern der Nachkriegsgeneration auf die Söhne kann nun entweder einen Neuanfang bedeuten, der zuweilen jedoch am Misstrauen der „gebrannten” Kundschaft oder den Widerständen der alt gedienten Mannschaft scheitert. Genauso gefährlich ist es, wenn die Nachkommen nicht mit ähnlichem Charisma oder Verkaufstalent wie der Vater gesegnet sind.

Künstler-Betriebe: Die wenigen der in der Vor-Golf-Generation neugegründeten künstlerisch anspruchsvollen Werkstätten fristeten lange Zeit eher ein belächeltes Außenseiterdasein, bevor die allgemeine Hinwendung zur historischen Aufführungspraxis auch ihre Auftragsbücher zunehmend füllten. Die Motivation dieser Betriebsgründer unterscheidet sich nur wenig von derjenigen, die in den vergangenen Blütejahren des Neohistorismus überaus zahlreich den Schritt in die Selbständigkeit wagten: Sie sahen in der Werkstätte, die sie ausbildete, keine Chancen, eigene Ideen und Impulse eigenverantwortlich umzusetzen. Anstatt künftig auf Dauer Zuträgerarbeit beim Bau großer Orgeln in ihrem Lehrbetrieb im Schatten von Chef, Chefkonstrukteur und Chefintonateur zu leisten entschieden sie sich lieber für den Bau von eigenverantworteten Truhenorgeln und Positiven.

Der Preis ist hoch: Um überhaupt eine Chance zu haben, werden die ersten Aufträge unter den Selbstkosten bis hin zur Selbstausbeutung abgewickelt. Fast noch schlimmer: Durch den Auszug der in vollem Saft stehenden jungen Orgelbaugladiatoren bluten die Mutterwerkstätten aus, notwendige Impulse durch eine betriebsinterne Frischzellenkur bleiben aus. Die Dumping-Preise der Abtrünnigen beeinträchtigen den Wettbewerb - notwendige Investitionen in den größeren, kostenintensiven Werkstätten werden zurückgestellt, die Qualitätssicherung kann nicht weiter ausgebaut werden.

Sind schon die wirtschaftlich-strukturellen Rahmenbedingungen im Moment schwierig, gravierender noch wiegt die auch im Orgelbau grassierende Fantasie- und Perspektivenlosigkeit. Seit dem Niedergang des Neobarock feiert der Neo-Historismus fröhliche Urständ: Italienisch nach Frescobaldi, französisch a la Dom Bedos oder Cavaillé Coll, Orgeln streng nach Schnitger, Silbermann oder Sauer - auf dem Papier kein Problem. Die Beschriftungen auf den Registerknöpfen sind jedoch häufig die einzigen stimmigen Zutaten beim Historiengemälde. Ganz Verwegene komponieren aus oberschwäbischen Prinzipalen, osteuropäischen Flöten, mitteldeutschen Streichern und frankophilen Walcker´schen Zungen (aber bitte vor 1850!) ihr Orgel-Lieblingsgericht und ziehen missionierend mit ihren beglückenden Selbsterfahrungen durchs Land. Französisch-sinfonische Konzepte findet man in Räumen mit Turnhallen-Akustik -zwar zur Freude der kaufmännischen, sicherlich nicht zur Zufriedenheit der künstlerischen Abteilung des ausführenden Orgelbaubetriebes. Das Wissen und Verstehen um Zusammenhänge findet man selten, dafür häufiger Eiche massiv in feuchten Flußauen-Kirchen (bald mit wunderschönen Bleizucker-Ausblühungen) oder gespundete Windladen in zentral beheizten Altersheim-Kapellen.

Die heute wieder weit verbreitete Intonationsart mit hohem Winddruck, weiten Kernspalten und zahlreichen Kernstichen oder gefeilten Kernen befördert das Mittelmaß: Viele moderne Orgeln klingen meist ziemlich gleichmäßig (wichtig für die Abnahmeprüfung!) aber auf jeden Fall einfach nur noch laut. Viele Organisten verwechseln auch heute noch Qualität mit Quantität, was zwar unübersichtliche, häufig recht billige Registerfriedhöfe entstehen lässt aber leider keine beseelten Klangpretiosen.

Dabei sind die Voraussetzungen, erstklassige Instrumente herzustellen, noch nie so gut wie heute. Rohmaterialien wie Holz oder Zinn sind in ausgesuchter Qualität und ausreichend vorhanden - mit Ausnahme vielleicht von Zink- oder Kupferblechen, die nicht mehr in den Plattenbreiten der Großväter erhältlich sind (mit fatalen Folgen für 16- oder 32´-Pfeifen aus diesen eben für den Orgelbau erst wiederentdeckten Materialien). Technische Hilfsmittel wie PC oder CAD erleichtern Kommunikation, Konstruktion und Berechnungen. Motivierte, häufig junge Orgelbauer engagieren sich bis zur Selbstaufgabe in ihrem Beruf. Die Forschung eröffnet Zugänge zu einem schier unüberschaubaren Fundus von Quellen und Vorbildern für unterschiedlichste Orgelstile, die dank unbegrenzter Mobilität und Wegfall des „Eisernen Vorhanges” besucht und bewundert werden können. Die Fachverlage übertreffen sich mit Neuauflagen oder Erstausgaben von Orgelmusik aller Jahrhunderte und für alle Geschmäcker. Und nicht zuletzt hat die deutsche Gesellschaft ein immenses Vermögen angehäuft - es ist nur etwas anders verteilt als in früheren Jahrzehnten.

Es erstaunt, dass auch in Deutschland wieder Instrumente geplant und gebaut werden, die an die 100-Register-Grenze stoßen. Noch wird hier an der Schleiflade und der mechanischen Traktur festgehalten, obwohl bei einer solchen Orgelgröße die Nachteile und der Aufwand bei diesem System bekanntlich größer sind als die Vorteile. Hier könnten sich Betriebe profilieren, die bewährte Industrietechnik (Stichwort: BUS-System) und klanglich-spielerische Variabilität und Freizügigkeit auf höchstem Niveau verknüpfen und dadurch Wegbereiter zumindest auf dem europäischen Markt werden.

Segensreich könnte auch die vermehrte Bildung bei Arbeitsgemeinschaften bei größeren Orgelprojekten sein. Die Kompetenzen sind in den verschiedenen Werkstätten unterschiedlich verteilt - die eine Firma liefert anerkannt gute Entwürfe, die andere baut bekannt hervorragende Mechaniken, die dritte beschäftigt einen exzeptionell begabten Intonateur: Weshalb sollten diese drei sich nicht fallweise zusammentun, wenn es um die Realisierung eines besonderen Projektes gehr. Auch große Zulieferer halten zuweilen Kompetenzen bereit, die manchmal nur verschämt in Anspruch genommen werden - und öffentlich schon gar nicht. Es ist Zeit, dass die Aura des „hier ist alles vom Chef handgeschnitzt” allmählich in den Köpfen von Auftraggebern und Auftragnehmern gleichermaßen etwas verblasst.

Nach wie vor ein Zeichen von zweitklassiger Qualität ist der Typus „Serienorgel”, nur noch übertroffen vom Begriff „Fabrikorgel”. Dabei weiß die Forschung längst, dass Denken in Systemen und Modellen den größten Meistern vertraut war und zu hervorragenden Ergebnissen führte. Hier liegt ein großes ungenutztes Potential, etwa preiswerte Orgeln für Räume herzustellen, die bislang noch keine besaßen: Gemeindezentren der Beton- und Fertigbauära, Friedhof-, Krankenhaus-, und Kapellen von Altenzentren. Die Eitelkeit mancher Planer und Entwerfer, jedes Rad immer neu erfinden zu wollen, hemmt eine Entwicklung wohl am meisten. Warum ist es verpönt, die bewährte Technik und Gehäuse einer Kleinorgel kostengünstig in einer Werkstätte herstellen zu lassen, Pfeifenwerk und Intonation jedoch von anderen?

Die Stärken des dualen Ausbildungssystems in Deutschland zwischen Betrieben und der international anerkannten Fachschule für Orgelbau in Ludwigsburg müssen genutzt und gefördert werden. Immerhin gibt es hierzulande noch eine Meisterprüfungsordnung, die ein Mindestmaß an fachlicher und unternehmerischer Kompetenz zur Führung eines Betriebes voraussetzt, auch wenn der Meisterbrief im Einzelfallezuweilen bei Neckermann gekauft als durch besondere Kenntnisse erworben zu sein scheint, beziehungsweise die Bundesregierung den Meisterzwang im Orgel- und Harmoniumbauerhandwerk gerade abschaffen möchte.

Überlebenswichtig für hoch stehenden, international anerkannten Orgelbau in Deutschland wird sein, qualifizierten Nachwuchs besser als bisher an die Mutterbetriebe zu binden. Dabei spielt eine attraktivere Vergütung sicherlich eine Rolle, mehr noch vermutlich eine Abwendung von verkrusteten hierarchischen Erbhofstrukturen hin zu Teams, deren Zusammensetzung die besondere Kompetenz für das jeweilige Projekt widerspiegelt. Nicht zu unterschätzen ist in diesem Zusammenhang die öffentliche Wertschätzung der Projektverantwortlichen: Bei der Einweihung vertritt das Team die Werkstatt, welches auch den Beitrag für die Festschrift schreibt.

Mehr denn je gilt es, das Interesse für die Orgel, ihre Geschichte, ihren Bau und für ihre Musik in unserer Gesellschaft wieder zu wecken. Orgelmuseen, Orgelsommer und -herbste, die Gesellschaft der Orgelfreunde und andere leisten hier zum Teil schon seit Jahren eine wichtige Arbeit. In Zukunft muss sich der Orgelbau selbst verstärkt in eine positive Öffentlichkeitsarbeit einbringen. Es nutzt nichts, darüber zu jammern, dass bei einer Reinigung oder Generalüberholung, zum Teil auch beim Neubau, sich niemand aus der Gemeinde auf der Orgelempore sehen lässt (teilweise erscheinen dort sogar die nebenamtlichen Organisten oder die Pfarrer nicht); stattdessen könnte die Orgelbaufirma der Gemeinde ein fertiges Programm für einen „Orgelnachmittag” vorlegen, der auf Kinder samt Anhang oder Senioren zugeschnitten ist. Wenn die Verantwortlichen in der Gemeinde sehen, dass hier mit wenig eigenem Aufwand die Kirche zu füllen ist, stimmen sie sicherlich gerne zu. Mit einem solchen Projekt kann sowohl die Generation angesprochen werden, die heute Orgelprojekte finanziert oder zu finanzieren in der Lage wäre als auch die, die hoffentlich künftig die in der Orgel verborgene Faszination weiter trägt. Professionelle Öffentlichkeitsarbeit kann nicht von jedem Betrieb geleistet werden - hier sind stellvertretend die Verbände gefragt - einmal, um Material zur Verfügung zu stellen, zum anderen, um selbst Präsenz auf kirchennahen Messen und Großveranstaltungen zu zeigen.

Deutschland besitzt ein reiches Erbe an geschichtlichen Zeugnissen - auch im Bereich des Orgelbaus. Aus aller Welt finden sich Organologen, Wissenschaftler, Organisten und Orgelbauer ein, um dieses Erbe zu studieren und aus ihm zu lernen. Mit der größte Vorteil einer Orgelkultur, die auf musikalischen wie technischen Vorbildern und ihrer Evolution beruht, ist die räumliche und emotionale Nähe zu diesem Erbe. Nicht ohne Grund gibt es hierzulande eine ganze Reihe von Organisationen und Einrichtungen, die sich intensiv mit Orgelbaufragen beschäftigen. Neben der oben bereits genannten GdO und dem BDO sind dies zum Beispiel die Vereinigung der Orgelsachverständigen Deutschlands (VOD), die Internationale Arbeitsgemeinschaft für Orgeldokumentation (IAOD), eine Abteilung des Fraunhofer-Instituts, die Sektion „Musikinstrumente” im Deutschen Restauratorenverband (DRV), zahlreiche Akademien, Fachbereiche von Hochschulen, Vereine mit zum Teil internationalem Anspruch, Verlage und Agenturen. Ein Ziel könnte sein, diesen Flickenteppich einzelner Spielwiesen zu vernetzen, Synergieeffekte zu nutzen und politischen Einfluss zu gewinnen. Der deutsche Orgelbau hätte vor diesem Hintergrund ein hohes Potential, sich erneut auf seine große Tradition zu besinnen und könnte weiterhin Impuls gebend die weltweite Orgelkultur beeinflussen. Offene Grenzen und ein vereintes Europa sind Garanten dafür, dass dies nicht zur Zementierung neuer Nationalstile sondern zu einem lebendigen Austausch mit anderen Kulturlandschaften führt.

MK, Siegen 2001

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Von Forschergeistern und Zauberlehrlingen

Hat der alte Hexenmeister
Sich doch einmal wegbegeben!
Und nun sollen seine Geister
Auch nach meinem Willen leben.
Seine Wort´ und Werke
Merkt´ ich und den Brauch,
Und mit Geistesstärke
Tu ich Wunder auch.

So beginnt Johann Wolfgang Goethes bekanntes Gedicht „Der Zauberlehrling”. Unbestritten ein herausragendes Zeugnis deutscher Dichtkunst - Doch was hat dieses Opus mit dem Thema Orgel, speziell mit Restaurierung, Rekonstruktion oder Stilkopie zu tun? Wer könnte der „Meister” sein, der sich wegbegeben hat, und wer der „Lehrling”, der die Geschichte erzählt?

Zunächst einmal der Meister: Stehen wir nicht zuweilen staunend und bewundernd den Leistungen und Kenntnissen mancher der ganz Großen im historischen Orgelbau gegenüber? Trotz aller Studien, Forschungen, handwerklichen und künstlerischen Bemühungen bleiben unsere Erkenntnisse allzu oft bruchstückhaft, unvollkommen: Wie hat der Meister diesen Klang, diesen Wind, diese Ausstrahlung eines Instrumentes nur hingekriegt? Da die Unterschiede oft nicht meßbar, nicht wissenschaftlich objektivierbar und je nach Ausprägung der individuellen Humanrezeptoren gegebenenfalls als nicht hörbar bezeichnet werden, bemühen aufgeklärte Zeitgenossen gerne „hustende Flöhe”, sensiblere Gemüter ahnen, dass die „höheren Weihen” auch im Orgelbau eben nur erlesenen (Zauber-)künstlern verliehen wurden - und werden… .

Nun zum Lehrling. Analog zu einer guten evangelischen Predigt würde es nun heißen: „Sind wir nicht alle Lehrlinge, wenn es um die Restaurierung historischer Orgeln geht?” Gewiß, Lernende sind auch Orgelsachverständige, bei jedem neuen Projekt. Im Rückblick nimmt man wahr, dass manchem „Gesellenstück” in der zurückliegenden Beratungstätigkeit ein gewisses Mehr an Erfahrung und Wissen gutgetan hätte - aber zum Glück findet sich dieses Phänomen in den unterschiedlichsten Berufsgruppen und bei den unterschiedlichsten Gelegenheiten - und die nächste Generation läßt es sich sicherlich nicht nehmen, etwas besser wissen zu wollen und will ja auch noch etwas zu tun haben.

Trotzdem - die Versuchung - und zuweilen die Vermessenheit - ist immer wieder groß, es mit dem „Meister” aufzunehmen. Wort´ und Werke sind studiert und seiner Geistesstärke traut man schon zu, mit dazu beizutragen, die Nachwelt mit einem Wunderwerk der Orgelkunst zu beglücken, dass den Taten des vor Zeiten Wegbegebenen gleicht.

„Lehrlinge” sind jedoch hauptsächlich die an einem Orgelprojekt beteiligten Auftraggeber, meist die Kirchengemeinden. Nicht nur zahlen sie ein nicht unbeträchtliches Lehrgeld, sie müssen hinterher mit dem fertigen Lehr- und Lernobjekt auch leben, egal, ob es ein gerade noch ausreichendes Gesellenstück oder aber hoffentlich ein Meisterstück geworden ist. Manchmal lernen die Gemeinden bei einem Orgelprojekt auch etwas über Orgeln, in jedem Fall lernen sie jedoch die verschiedensten Vertreter der Orgelszene kennen, die häufig einen Leuchtturm aber auch ein Irrlicht der Orgelkulturlandschaft umflattern.

Walle, walle
manche Strecke,
daß zum Zwecke
Wasser fließe,
und mit reichem, vollem Schwalle
zu dem Bade sich ergieße!

Und nun komm, du alter Besen!
Nimm die schlechten Lumpenhüllen!
Bist schon lange Knecht gewesen:
Nun erfülle meinen willen!
Auf zwei Beinen stehe,
oben sei ein Kopf.
Eile nun und gehe
Mit dem Wassertopf!

Walle, walle
manche Strecke,
daß zum Zwecke
Wasser fließe,
und mit reichem, vollem Schwalle
zu dem Bade sich ergieße!

Seht, er läuft zum Ufer nieder,
wahrlich! Ist schon an dem Flusse,
und mit Blitzesschnelle wieder
ist er hier mit raschem Gusse.
Schon zum zwiten Male!
Wie das Becken schwillt!
Wie sich jede Schale
Voll mit Wasser füllt!

So weit, so gut. Die Idee einer Restaurierung oder Rekonstruktion ist schnell geboren, Träume sind rasch ausgesprochen, Absichtserklärungen locker verfasst. Ein erster Bericht eines Orgelfreundes schildert das Projekt in leuchtenden Farben, Interesse, vielleicht Begeisterung wird geweckt. Es ist an der Zeit, Experten einzuschalten. Diese untersuchen nun den Bestand, die Machbarkeit, das Bedarfsprofil und füllen die Schalen der Beratungskammer zwar nicht mit Wasser, jedoch mit Gutachten und Auflagen, die sich vielleicht zuweilen etwas nüchterner lesen als die zuvor bestaunten Visionen. Eine Denkpause, ein „darüber schlafen” wäre nun angebracht.

Stehe, stehe!
Denn wir haben
deiner Gaben
vollgemessen! -

Ach, ich merk es! Wehe! Wehe!
Hab ich doch das Wort vergessen!
Ach, das Wort, worauf am Ende
er das wird, was er gewesen.
Ach, er läuft und bringt behende!
Wärst du doch der alte Besen!

Immer neue Güsse
bringt er schnell herein,
ach! und hundert Flüsse
stürzen auf mich ein.

Der Orgelfreund informiert Gleichgesinnte, die lokale Presse wird aufmerksam. Die Gutachten von Denkmalamt und Orgelsachverständigen, die Angebote der Orgelbaufirmen werden, besonders wenn sie abweichend zur eigenen Überzeugung formuliert sind, zerpflückt, gegeneinander ausgespielt oder schlicht nicht zur Kenntnis genommen. Kontroverse Symposien, bestellte Gegengutachten, der edle Spenderwille und die geballte veröffentlichte Meinungsvielfalt stürzen wie hundert Flüsse auf den Auftraggeber ein.

Nein, nicht länger
kann ich´s lassen;
will ihn fassen
das ist Tücke!
Ach! nun wird mir immer bänger!
Welche Miene! Welche Blicke!
Oh, du Ausgeburt der Hölle!
Soll das ganze Haus ersaufen?
Seh ich über jede Schwelle
doch schon Wasserströme laufen.
Ein verruchter Besen, der nicht hören will!
Stock, der du gewesen,
steh doch wieder still!

Die Ereignisse beginnen sich zu überschlagen. Der vom Auftraggeber zwar initiierte, jedoch selbständige Förderverein beschließt, das gesammelte Geld nur für eine „Goldfrau”-Orgel zur Verfügung zu stellen, innerhalb der Kirchengemeinde bilden sich Fraktionen, welche vehement die eine oder die andere Richtung vertreten, niemand ist mehr bereit, über seinen Schatten zu springen. Längst ist das Projekt in das Blickfeld von Fachzeitschriften und Kulturredaktionen geraten, das Wohl des Auftraggebers ist längst nicht mehr relevant: Soll doch das ganze Haus ersaufen… .

Willst´s am Ende
gar nicht lassen?
Will dich fassen,
will dich halten
und das alte Holz behende
mit dem scharfen Beile spalten.

Seht, da kommt er schleppend wieder!
Wie ich mich nun auf dich werfe,
gleich, o Kobolde, liegst du nieder;
krachend trifft die glatte Schärfe!
Wahrlich, brav getroffen!
Seht, er ist entzwei!
Und nun kann ich hoffen,
und ich atme frei!

Ein Befreiungsschlag: Der Auftraggeber trifft seine Entscheidung. Nun ist Ruhe, nun weiß man, woran man ist, die normative Kraft des Faktischen hat schon manche Gemüter beruhigt. — Aber weit gefehlt: Ein gemeinsames Feindbild macht stark, Verdächtigungen über Verräter und Umfaller werden laut, Verleumdungs- und Unterlassungsklagen erhoben, der Bundesfinanzhof und der Ministerpräsident bemüht. Das Projekt mutiert zur Groteske.

Wehe, wehe!
Beide Teile
stehn in Eile
schon als Knechte
völlig fertig in die Höhe!

Helft mir, ach! ihr hohen Mächte!
Und sie laufen! Naß und nässer
wird´s im Saal und auf den Stufen
welch entsetzliches Gewässer!
Herr und Meister! Hör mich rufen! -

Ach, da kommt der Meister!
Herr die Not ist groß!
Die ich rief, die Geister,
wird ich nun nicht los.

Zu den Geistern die sich um eine Orgelrestaurierung oder -rekonstruktion versammeln, zählen:

1. Der Besitzer

Natürlich ist man stolz darauf etwas zu haben, was andere nicht haben. Die Kirchengemeinde oder Einrichtung, in der sich das besondere Orgelwerk befindet oder befinden soll wird aufgewertet, Konzerte auf historischen Orgeln oder deren Reinkarnation ergeben (fast) immer eine gute Presse, die Besucherzahlen steigen. Es ist großes Interesse vorhanden, die Attraktivität eines solchen Werkes durch eine Überarbeitung oder Überhöhung zu steigern, auch wenn es letztlich zu einem Ergebnis führt, das sich auch Walt Disney ausgedacht haben könnte. Nur kosten darf es möglichst nicht viel.

2. Der Laienmusiker

Alt ist zwar interessant und manche Kollegen schauen neidvoll (andere aber auch mitleidig) auf die Besonderheiten des von ihm sonntäglich zu bedienenden historischen Orgelwerkes, aber „richtig” und störungsfrei funktionieren muß es trotzdem. Außerhalb der Norm befindliche Tastenumfänge und -maße, Anschlagcharakteristika und andere Eigenheiten werden als lästig empfunden und als Entschuldigung für mäßiges Spiel genutzt.

3. Der professionelle Musiker:

Unbestritten ist der Reiz, ein historisches Orgelwerk unter den Fingern zu haben. Je älter und seltener, umso weihevoller fällt die Begegnung aus und umso mehr färbt der Ruhm des Instrumentes auch auf den konzertierenden oder CD-einspielenden Interpreten ab: „Der darf oder ist in der Lage, dieses Instrument zu berühren und musikalisch zum Leben zu erwecken”.

4. Der Vorsitzende des Fördervereins

Werbewirksam muss es sein, das Projekt. Attraktiv gleichermaßen für Lieschen Müller wie für die Sponsoring-Abteilung des Großkonzerns. Fördermitglieder mit zugkräftigem Namen wollen gewonnen werden, die springen nur auf Besonderes an. Komplizierte Sachverhalte oder Konstrukte wie „gewachsene Zustände” oder „Teilrekonstruktion” sind schwer vermittelbar, einfache Botschaften sind angesagt: „Wenn der gute alte Johann Sebastian heute leben würde, wäre unsere seine Lieblingsorgel”.

5. Der kirchliche Orgelsachverständige

Chronisch in Zeitnot, da nebenamtlich und häufig unterbezahlt wundert er sich, dass sein erstes zugegebenermaßen etwas sparsames Gutachten nicht den Beifall der Fangemeinde findet und findet sich schließlich im Abseits wieder. Oder aber er zählt zur Gruppe der Musiker bzw. der Forschergeister mit den entsprechenden Neigungen.

6. Der Grösaz (größter Sachverständiger aller Zeiten)

Die selbständige Variante des kirchlichen Orgelsachverständigen, ein Selbstvermarkter, der etwa auf verschlungene Weise sich ein bestimmtes Archiv unter den Nagel gerissen hat, dieses mit einer geheimnisumwitterten Aura versieht, unter Verschluß hält und sein Wissen möglichst gewinnbringend verkauft.

7. Der Forschergeist ( - auch Musikwissenschaftler oder Organologe genannt)

Endlich darf er einmal zeigen was er kann. Kein theoretisierendes Palaver über Taubeneimensuren, hier wird Papier lebendig. Die eigenen Erkenntnise und Theorien können angewandt, die wissenschaftliche Konkurrenz distanziert werden Der Stern am Forscherhimmel strahlt heller, die Einladung zum nächsten Symposium ist in der Tasche. Zur Ehrenrettung dieser Spezies muß gesagt werden: Meist sind es ernsthafte, bienenfleißige und uneigennützig wirkende eher professorale Typen, die keiner Fliege etwas zuleide tun möchten.

8. Der Architekt

Bei der reinen Restaurierung hat er meist nichts zu suchen, umso unverzichtbarer hält er sich, wenn es um das Einpassen von Rekonstruktionen oder Stiladaptionen in historische Räume geht. Leider ist ihm in der Regel nur äußerst schwer zu vermitteln, dass neben Gehäusefarbe, richtiger Proportion, Maßstäblichkeit, Kubatur und Lichtführung es bei Orgeln eine gewisse Rolle spielt, dass 8´-Register tatsächlich 2,40 Meter plus Fuß lang sind, an „Lufthaken” aufgehängt werden und die längsten Pfeifen nicht gehäuft auf der Diskantseite der Klaviatur spielen.

9. Der Denkmalpfleger

Fort ist fort und weg ist weg. Es gilt ausschließlich das reine, unverfälschte überkommene Kulturerbe vor etwaiger oder weiterer schändlicher Verstümmelung durch wen auch immer zu retten. Da seine Vorgänger zum Teil recht großzügig den Wert oder die Not des eigentlichen Orgelwerk übersahen und sich ausschließlich auf den Prospekt kaprizierten, muß nun die schützende Hand von Vater Staat nun umso enger das Kulturobjekt umschließen, auch wenn es sich dabei nur noch um einige alte zersägte Windladen-Lagerhölzer handelt, die bei der neobarocken Teilerneuerung der Orgel als Balgverschalung zweitverwendet wurden. Bei dem Zauberwort „gewachsener Zustand” schließlich läßt sich trefflich darüber sinnieren, ob eine Ott´sche Zimbel nicht vielleicht doch die Idee einer ehemals gewesen Sauer´schen Gambe neu interpretiert hat und daher exemplarisch zu erhalten sei.

In seinem Gefolge finden sich zuweilen noch diese beiden Spezialisten:

10. Der Kunsthistoriker

Auch er darf mit seinem Wissen glänzen: Helfen beim Finden verlorengegangener oder zu rekonstruierender Ornamentik, bautechnischen, aus dem Möbelbau der Entstehungszeit entlehnten Konstruktionen und Details, und Festlegen der Farbfassungen. Erst durch einen passenden Rahmen kommt ein Gemälde richtig zur Geltung. Im Umkehrschluß muß eben für einen erhaltenen Künstlerrahmen das passende Gemälde her. Stilreinheit ist das Ideal, durch sie erst strahlt das Objekt unverfälschte und entschlackte Schönheit aus.

11. Der Diplomrestaurator (vom Denkmalamt zuweilen hinzugezogen)

Der würde ja gerne und darf oft nicht. Auch wenn es ihn gelegentlich in den Fingern juckt, dass ein von ihm restauriertes Musikinstrument auch einmal klingen darf , so steht doch die Konservierung, der Erhalt des Musikdokumentes im Vordergrund, ist Fundament seines Berufsethos. Selbst eine Nutzerpatina, ja offensichtliche Fehler des Erbauers und der nachfolgenden Reparateur-Generationen sind für ihn erhaltenswert, da man aus dem „Fehl”verhalten von Material und Konstruktion auch in Zukunft lernen kann und soll. Geschichtsklitterung ist nicht sein Auftrag.

Und schließlich:

12. Der Orgelbauer

Dieser ist hin- und hergerissen zwischen der Ehre, Hand anlegen zu dürfen, eigener Kreativität, Ehrfurcht vor dem seltenen Stück und Erfolgsdruck, den Erwartungen der Theoretiker gerecht werden zu müssen. Zum Schluß soll ja alles funktionieren und so schön klingen, dass Domorganist Hinz rühmlich darauf präludieren kann. Letztlich heißt es: „Orgelbauer Kunz hat dieses Instrument restauriert oder rekonstruiert - wie hat er das und jenes nur so und nicht anders machen können?! Er war einfach unfähig!” Wie schnell rutscht da der Hobel aus, wie geschwind werden Garnierungen, Schleifendichtungen, Ventilfedern, Belederungen, verwurmte Pfeifen etc. als „irreparabel” entsorgt… Schließlich hat man den Auftrag ja auch so günstig wie möglich kalkuliert und der letzte soll es ja auch nicht gewesen sein…

Bei dieser schier unüberschaubaren Versammlung wassertragender Orgelgeister wundert es nicht, dass mancher Zauberlehrling unter den Auftraggebern schließlich ersehnt, dass doch der heilige Geist oder aber zumindest der alte Meister erscheine und der wahrhaft babylonischen Sprach- und Kompetenzverwirrung ein Ende bereite:

In die Ecke,
Besen! Besen!
Seid´s gewesen!
Denn als Geister
Ruft euch nur zu seinem Zwecke
erst hervor der alte Meister.

Merke:

Allzu oft leben die berufenen und gerufenen Geister nicht den Willen, der dem Ruf zugrundeliegt.

MK, VOD-Tagung Naumburg 2002

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Wünsche einer Orgel an einen Raum

beziehungsweise an diejenigen,

die einen Raum entwerfen, gestalten, verändern und einrichten

Kennen Sie „Vom Winde verweht”? Ich mag diesen Filmklassiker - nicht nur, weil der Titel mein innerstes Orgelwesen anspricht, sondern gerade auch wegen seiner großartigen Landschaftsaufnahmen. Natürlich schaue ich mir das Werk am liebsten im Kino auf einer großen Leinwand an; nur dort kann sich seine Tiefe und Wirkung richtig entfalten. Sie stimmen mir da sicher zu. Niemand wäre erpicht darauf, diesen oder einen ähnlichen Film mit Hilfe eines kleinen Schwarzweiß-Fernsehers anschauen zu müssen.
Warum aber, so frage ich mich immer wieder, gesteht man mir und meiner Musik häufig nicht das gleiche Recht auf Wirkung zu? Für das Tongemälde einer musikalischen Landschaft gilt Ähnliches wie beim eben beschriebenen Kinofilm: Je mehr Klangfarben ich für ihre Wiedergabe zur Verfügung stellen kann, desto interessanter und vielschichtiger der Genuss.
Ständig muss ich mich dafür entschuldigen, dass ich so groß bin. Am Hörspektrum des Menschen, an den Gesetzmäßigkeiten der Physik mit ihren Wellenlängen und aus bestimmten Tonhöhen resultierenden Pfeifenlängen bin ich unschuldig. Schuld an meiner Größe sind vielleicht noch am ehesten die Komponisten. Die haben nun mal beim Komponieren ihrer Werke für Orgel bestimmte Klangzusammenstellungen vor Ohren gehabt, die ich nun mit Hilfe der Organisten reproduzieren muss. Gelegentlich kommt auch noch der Spieltrieb der letzteren Gattung dazu, dass ich nicht so ganz minimalistisch daherkomme.
Also, liebe Architekten: Gewährt mir bitte den Platz, den ich zur Entfaltung brauche! Bezieht mich in eure Raumgestaltung von Anfang an ein und versucht mich nicht erst am Ende als lästiges Möbelstück irgendwo in die Ecke zu drängen, auf eine niedrige Empore zu quetschen, in eine Turmkammer zu verbannen oder mich mit einer sprachlos machenden Registerdiät auszuhungern. Wusstet Ihr, dass ich für viele Gemeindeglieder - neben dem Altar - als ein wichtiges Symbol für den sakralen Charakter eines Raumes angesehen werde? Erstaunlich viele multifunktionale Gemeindezentren der 1960er bis 1980er Jahre werden jetzt mit „richtigen” Orgeln ausgestattet - „damit das Ganze mehr nach Kirche aussieht”.
Bleiben wir in der Welt des großen Films. Was wäre ein Western ohne die entsprechenden Kulissen! Solche Filmstadt-Kulissen sind, wir wissen das, ein großer Bluff: nichts (oder etwas anderes) steckt dahinter. Ähnliches wurde mir seit den seligen Zeiten meiner barocken und frühromantischen Schwestern immer wieder zugemutet. Erst hat man mich hinter Architekten-Fassaden gezwängt, die mit der Logik meines inneren Aufbaus oder gar musikalischen Gesetzmäßigkeiten wenig zu tun hatten. Dann kamen die Bauhaus-Adepten mit ihren minimalistischen Gartenzaunprospekten. Danach ging es eine Weile äußerst nüchtern zu: Meine Schwestern und ich wurden zwar wieder nach dem Werkprinzip der Vorväter gestaltet, sahen aber aus wie gerupfte Weihnachtsgänse - wie aus toten Fensterhöhlen im Pappschachtel-Design glotzten unsere Prospektpfeifen. Und heute? Das Spektrum zwischen anheimelnd musealer Stilkopie im Beton-Bet-Bunker der 1960er und overdesigntem Retro-Look in der schlichten klassizistischen Dorfkirche ist gewaltig - und trotzdem ist die Wirkung meist eher einfältig denn vielfältig.
Meine große Bitte an alle Gestalter: Steht zu mir und zu meinem Aussehen! Ich möchte gerne als Orgel erkannt werden und mich nicht hinter einer Maskerade verstecken lassen. Berücksichtigt und nutzt meine Besonderheiten bei der Gestaltung: Die größten Orgelpfeifen befinden sich in der Regel nicht gehäuft auf der Diskantseite der Klaviatur.
„Manche mögen´s heiß - Ihre Orgel nicht.” Mit diesem Motto, einem Merkblatt und einem entsprechenden Aufkleber für die Heizungssteuerung hat ein netter Orgelsachverständiger schon vor Jahren die Kirchengemeinden darauf hingewiesen, dass mir übermäßige Heizungswärme und trockene Luft gar nicht gut bekommen. Trotzdem werden nach wie vor Heizungsanlagen in Kirchen montiert, die bei den Gottesdienstbesucher im Parterre tropfende Nasen und eiskalte Füße auslösen und mir auf der Empore hochsommerliche Temperaturen bescheren. Aufheizautomatiken, Temperaturbegrenzer und Hygrostatschalter werden von kundiger Kirchendienerhand überbrückt oder abgeschaltet, da ihm die fröstelnde T-Shirt tragende Gemeinde im Nacken hockt - und man durch kurzes, schnelles Aufheizen ja sicherlich viel Öl spart. Dass kalte Kirchenwände nur mit höheren Heizungstemperaturen kompensiert werden können und in der Heizungsluft transportierte Staubpartikel an den kalten Wandflächen anhaften, den Raum im Zeitraffertempo altern lassen und dann immense Renovierungskosten verursachen, wird dabei regelmäßig übersehen.
Beliebt sind auch bei Kirchenneubauten Fußbodenheizungen oder -temperierungen. Obwohl bei der Planung der künftige Orgelstandort bekannt war, verlaufen nun die Heizschlangen auch unter diversen Kolleginnen und lassen ihre Innereien zu Dörrobst verschrumpeln. Fatal kann es auch enden, wenn zwar bei der Fußbodenheizung unter dem Orgelstandort kein Heizkreis vorgesehen ist, die elastische Unterdämmung des Heizestrichs dort trotzdem verlegt ist und der Estrich ob meines Gewichtes dann einbricht oder absinkt. Ebenso wenig lustig erging es einer betagten historischen Schwester, die nach mehrwöchigem Trockenheizen des neuen Fußbodenestrichs zu Grabe getragen werden musste.
Also, liebe Architekten: Ein Klima, das für den Raum gut ist, ist auch für mich gut! Thermische Spannungen, Trockenrisse, Kondenswasserbildung beim Abkühlen, Staubumwälzung und Staubniederschlag auf kalten Bauteilen, Rußfahnen und Ähnliches lassen eine Gebäude und seine Einrichtung schnell alt aussehen. Lasst also Temperiersysteme einbauen, die nur geringe Luftumwälzung verursachen, und installiert intelligente, manipulationssichere Heizsysteme, die die Wärme dorthin bringen, wo sie gebraucht wird. Und werbt mit dafür, dass eine Kirche im Winter nicht auch noch von der Raumtemperatur her mit einem Altersheim verwechselt werden kann: Mäntel dürfen anbehalten werden.
Mit Goethe habe ich mich, obwohl er mich als „herrliches Instrument”[1] bezeichnete, nie so recht anfreunden können. Anscheinend aber viele zeitgenössische Architekten: Sein „Mehr Licht!” mutierte zum Credo bei der Planung zahlreicher moderner Stahl-Glas-Orgien in Kirchenräumen und Gemeindezentren. Im Sommer verwandelt sich ein solcher „Wintergarten Eden” unverhofft in eine ans Fegefeuer gemahnende Seelensauna, sodass derart beglückte Gemeinden, die vormals während der Heizperiode aus Kostengründen in eine Winterkirche zogen, heute zur Sonnenzeit aufatmend in eine schattige Turnhalle flüchten. Während in den USA solche „Crystal Cathedrals” wenigstens eine Klimaanlage spendiert bekommen (der ökologisch-energetische Un-Sinn solcher Konstruktionen sei dahingestellt), wird bei uns mein Kollabieren - und das von meist älteren Gemeindegliedern - allmählich Bestandteil der sonntäglichen Liturgie (nun ja: Orgeln und Rentner zahlen halt keine Kirchensteuer …). Besonders verstimmt reagiere ich, wenn direktes Sonnenlicht zwar meine Prospektpfeifen besonders schön zum Glänzen bringt (übrigens auch zu nah angebrachte Strahler und Leuchtkörper), sie aber wegen der Erwärmung zum Rest des Instrumentes nicht mehr zu gebrauchen sind. Schuld soll dann trotzdem meist ich sein: „Die Orgel klingt aber heute wieder mal grausam, ein schreckliches Gerät”; bei solchen Gelegenheiten hätte ich schon liebend gerne den verantwortlichen Planer mit meinen Registerschwertern aufgespießt. Und noch schlimmer: In manchen Räumen wird mir wegen der „leider unvermeidbaren” Klimakatastrophe sogar überhaupt der Zutritt verwehrt: „Eine richtige Orgel, hier drin, unmöglich! Bei diesen Temperaturschwankungen wäre sie in kürzester Zeit Schrott.”
Hier also meine Bitte: Lasst mich nicht im Regen, ich meine in der Sonne stehen! Setzt intelligente Konstruktionen aus der passiven Solararchitektur ein, die die Wintersonne einlassen, der Sommersonne aber den Zugang verwehren. Plant eine möglichst automatisierte Beschattung oder Fensterlüftung ein, wo im Sommer Raumtemperaturen über 25°Celsius zu erwarten sind.
An und für sich bin ich ja eigentlich ganz robust. Man braucht mich nicht in Watte packen. Zu bestimmten Gelegenheiten will ich jedoch besonders gut eingepackt werden: Wenn der Raum, in dem ich mich nun mal befinde, renoviert werden soll - oder auch nur ein paar Kabel für Lalas (Lautsprecher oder Lampen) verlegt werden wollen. Auf Baustaub, diese Mischung aus Gips und Zementpartikeln, reagiere ich ausgesprochen sauer, weil diese Substanzen zum größten Teil hygroskopisch, chemisch nicht neutral und schmirgelnd sind. Meine feine Mechanik und zum Teil Elektrik bekommt Reibungs- und Kontaktprobleme; Oberflächen und Kanten, vor allem orgelwindumströmte, werden angegriffen. Gerüststangen und -bretter verursachen manch „unerklärliche” Delle, und angelernte Möchtegern-Christo’s nehmen bei ihren Verpackungskünsten wenig Rücksicht auf handverputzte Holzoberflächen und mit Herzblut geschaffenes Dekor. Obwohl es mir nach einer versäumten oder missglückten Verpackungsaktion im wahrsten Sinne des Wortes „dreckig” geht, verspüre ich schon so etwas wie Schadenfreude, wenn der Versicherung der Bauleitung hinterher die Rechnung für meine unvorhergesehene Reinigung präsentiert wird.
Hier also der dringende Wunsch: Übertragen Sie einer anerkannten Orgelbaufirma rechtzeitig die Sicherung des Instrumentes bei einer Baumaßnahme! Es gibt detaillierte Anleitungen, wie ich fachgerecht ver- und entpackt werden soll - häufig zieht nämlich die berüchtigte Staubwolke erst beim Herabreissen der ungereinigten Verpackung in mich ein.
Weshalb singt es sich im Badezimmer so gut? Richtig, die harten, glatten Wand- und Deckenbeläge reflektieren Schall so gut, dass selbst schwindsüchtige Gelegenheitsbrummer dort zu Heldentenören mutieren. Offenbar singen Architekten zu wenig, denn häufig übertreffen Sie sich darin, einen Kirchenraum so sang- und klanglos wie irgend möglich zu gestalten. Rau- und Akustikputze, Schallschluckplatten und -decken, Lochziegel und plüschige Polsterauflagen führen die Liste der Grausamkeiten an, die zwar - häufig planerisch bedingte - Resonanzkatastrophen verhindern sollen, unter dem Versprechen einer guten Sprechakustik jedoch jegliche Raum-Klang-Atmosphäre vernichten.
Dem ohne technische Hilfsmittel in solchen Räumen viel zu leisen gesprochenen Wort kann zwar durch eine aufwändige elektroakustische Lautsprecheranlage ein wenig nachgeholfen werden, dem Gesang der Gemeinde oder mir als Orgel stehen solche Prothesen natürlich nicht zur Verfügung. Ich muss mich in toter Akustik gewaltig anstrengen, um überhaupt eine gewisse Wärme im Klang zu produzieren, jede Aufregung, jedes Zittern meiner Stimme ist zu hören, wie nackt stehe ich vor dem kritisch hörenden Publikum. Meine Gesangslehrer (im Orgelbau auch Intonateure genannt) verzweifeln in solcher Umgebung regelmäßig daran, wenn sie mir die rechten Flötentöne beibringen sollen. Eine inzwischen schon denkmalgeschützte Lochziegelkirche wurde gar zwischenzeitlich auf der Innenseite großflächig mit Glasplatten verkleidet, damit eine neue Schwester bessere Chancen zur Klangentfaltung bekam.
Verehrte Raumgestalter: Bitte verwechseln Sie bei der Akustikplanung einen Gottesdienstraum nicht mit einem Großraumbüro! Haben Sie Mut, zunächst einmal reichlich Nachhall zuzulassen, und korrigieren Sie nachträglich Schritt für Schritt etwa störende Phänomene. Einschlägige, leider etwas in Vergessenheit geratene Literatur[2] sagt Ihnen, worauf zu achten ist. Die Palette der bei Bedarf nachträglich einzubringenden Konstruktionen ist groß und reicht von aufhängbaren, aufstellbaren oder unter die Sitzfläche der Stühle geklebten Schallabsorbern, Teilputzflächen, Wendetüren an Schrankwänden im Gemeindesaal (eine Seite mit Schall reflektierender, die andere mit Schall absorbierender Oberfläche) bis hin zu auf bestimmte Frequenzbereiche abgestimmten Helmholtz-Resonatoren. Schaffen sie gut aussehende und gut klingende Räume! Die singende und hörende Gemeinde dankt es Ihnen. Und ich auch.
„Liebe ist nicht nur ein Wort.” Ich mag es jedenfalls, wenn man mich liebt! Liebe ist für mich eine Art Lebensversicherung. Auf wessen Liebe bin ich am meisten angewiesen? Richtig, auf die des Organisten (ich bin ja schließlich eine Orgel), mit dem ich Spieltisch und Schleifenbett teile. Und wann liebt er mich? Natürlich, wenn ich anregend mit ihm rede und sensibel auf seine Berührungen reagiere. Mein Aussehen ist ihm seltsamerweise oft gar nicht so wichtig (übrigens: Schwellbare Brustwerke sind zurzeit ziemlich out).
Liebe Architekten, bitte helft dazu, dass mein jeweiliger Lebensabschnittsgefährte (ich bin ja eine moderne Orgel!) ein inniges Verhältnis zu mir entwickeln kann. Dazu gehört, dass meine Trakturen in geordneten Verhältnissen leben und meinem Klangkörper Raum für vielfältige Emotionen gewährt werden. Dafür erhaltet ihr mehr als einen liebevollen Kuss aus allen meinen Pfeifenmündern!
Ich fasse zusammen:
- Gute Orgeln haben Charakter - Ein gesundes Selbstbewusstsein und ein geschärftes Profil machen sie begehrenswert und einzigartig.
- Gute Orgeln sind großzügig - Farbenpracht und Schattierungen benötigen Platz und Entfaltungsmöglichkeit.

- Gute Orgeln sind sensibel - Weder Sauna noch Besenkammer sind geeignete Aufstellungsorte.
- Gute Orgeln legen Wert auf ihr Äußeres - Sie wollen festlichen Glanz verbreiten, die Herrlichkeit Gottes verkünden und auch ein wenig bewundert werden. Kleider machen nicht nur Leute, sondern auch Orgeln.
Sie können meine Aussagen nachvollziehen? - Dann handeln Sie künftig danach!
Und zum Schluss: Liebe Organisten, dass es euch so ziemlich egal ist, welches Kleid ich trage (bei euch zählen halt die „inneren Werte”…), verletzt doch etwas meinen Stolz. Am liebsten wäre euch ja, wenn ihr mehrere Musikinstrumenten-Königinnen in das selbe Kleid zwängen könntet - so wie bei einem „Miss-Europa”-Treffen: Eine kühle Skandinavierin für den Kopf, eine rassige Spanierin für die Party, eine schlanke Italienerin fürs Emotionale und eine rundliche Süddeutsche für den Bauch dürfen es schon im Orgel-Harem sein. Kein Wunder, dass uns dann anstelle eines Festkleides bestenfalls ein sackähnlicher Kaftan passt. Merkt euch außerdem: Nichts hassen Frauen mehr, als wenn sie feststellen müssen, dass sie das gleiche Kleid wie eine andere tragen. Und seid ehrlich: Mehr als eine gescheite Gespielin verträgt auf Dauer auch der beste Tastenhengst nicht.
MK, VOD/BDO-Tagung Trier 2003



[1] Italienische Reise, Teil II, Catania, 3. Mai 1787. IX,524[2] z.B. Lottermoser, Orgeln, Kirchen und Akustik

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Outcoming eines Wechselbalges


Er liebt mich, sie liebt mich nicht, sie liebt mich, er liebt mich nicht… Nein, nicht schon wieder! Ich mag nicht mehr. Das ist ja schlimmer als eine Zwangsheirat in Ostanatolien – mehr als ein Dutzend mal hat mich das Vormundschaftsgericht, der Pfarrgemeinderat, zu neuen Beziehungen gezwungen, von den vielen one-sunday-stands will ich erst gar nicht reden. Zugegeben, ein Teil der jeweiligen Lebensabschnittsgefährten hat mich Respekt behandelt und mich zu Höchstleistungen angespornt, bei anderen habe ich mich jedoch richtig benutzt gefühlt und wieder andere sind wohl auch mit falschen Versprechungen in die Ehe mit mir gelockt worden.

Schweißgebadet bin ich aufgewacht - das passiert mir übrigens öfters, seit sie in der Kirche die neuen Fenster eingebaut und die Decke mit viel Plastikfolie und Glaswolle isoliert haben. Doch diesmal war die Ursache ein Albtraum. Immer näher kamen die Folterwerkzeuge – Sägen aller Art, Messer, Feilen und Lötkolben. Nein, noch einmal will ich so etwas nicht mehr erleben, ich habe wahrlich schon genug durchgemacht. Mit dem Leben hatte ich schon abgeschlossen, gerade jetzt schien alles aus und vorbei zu sein: Meine Kirche, in der ich so viele Jahre verbracht habe, soll geschlossen werden. Doch gestern kam Besuch von einigen wichtig aussehenden Leuten, die mich stundenlang untersucht und über mich diskutiert haben. Was sie abschließend verabredeten, kommt mir immer noch wie ein Traum vor, ein schöner allerdings. Doch nun der Reihe nach, meine Lebensgeschichte steht für das Schicksal hunderter, wenn nicht tausender Gefährtinnen.

Vor fast 100 Jahren, genau 1907, erblickte ich in einer süddeutschen Orgelfabrik das Licht der Welt. Es war wohl eine fruchtbare Orgelfamilie, aus der ich entstamme, denn in dem Montagesaal um mich herum standen etliche halbfertige Geschwister, an denen fleißig gearbeitet wurde. Ich erfuhr eine schnelle, aber gründliche Ausbildung und wusste am Ende alles, damit ich nicht ungefragt losplapperte und meine Taschen schön dichthielt. Sprechen lernte ich auch recht schnell, da mein Lehrer meiner Lebensluft freie Bahn ließ und mit stichhaltigen Argumenten zum Kern aller Sprachstörungen vordrang. So gerüstet wurde ich schließlich sorgfältig verpackt, in einen Eisenbahnwaggon verladen, weit von der Heimat entfernt auf Pferdfuhrwerke umgeladen und erreichte mein neues Zuhause, eine ebenso gerade fertig gewordene kleine Kirche am Rande einer größeren Stadt.

Mit meinen 13 Registern war ich eine richtige Dorfschönheit. Girlandengeschmückt begeisterte ich bei der Einweihung sowohl mit meiner Erscheinung – passend zur Kirche in echt deutschem, also gotischen Stil - als auch mit meinen Klängen: Mit sonorem Prinzipal, hellen Streichern und dunklen Flöten Das „volle Werk“ mit Kornettmixtur war gerade richtig, um die sangesgewaltige Gemeinde auch noch beim „Großer Gott wir loben dich“ führen zu können.

Mein zehnter Geburtstag verlief alles andere als harmonisch. Frühmorgens kam ein Orgelbauer, den ich zuvor noch nicht gesehen hatte mit einem Herrn in Uniform und Pickelhaube auf die Empore und begann nach kurzem Disput, meine schön hell glänzenden Prospektpfeifen auszubauen. Sie wurden zwar sorgfältig vermessen, danach jedoch zu meinem Entsetzen mit Stiefeln flach getreten, zusammengepackt und abtransportiert. Fast sieben Jahre lang musste ich mein entstelltes Gesicht zeigen, bevor Ersatz geliefert wurde, leider aber nur aus mattem Blech – welches inzwischen denkmalseits jedoch schon wieder heilig gesprochen wird. Bei mir war sozusagen schon mit 17 der Lack ab.

Einige Jahre gingen ins Land. Mein alter Organist, der mich beim Bau mit ausgesucht hatte, ging in Pension und 1937 kam eine jüngere, recht hübsche Nachfolgerin. Die probierte auch gleich neue Musik aus - eigentlich war es gar keine neue Musik, sondern eher ältere - aber so richtig zufrieden schien meine neue Herrin damit nicht zu sein. Beim nächsten Stimm-Besuch des Orgelbauers klagte sie ihm ihr Leid, dass ihr bei manchen Stücken die Klarheit im Klang fehle und besonders meine lärmende Mixtur so nicht zu gebrauchen sei. Der Orgelbauer wiegte den Kopf, schrieb dann aber ein Angebot – denn er wollte ja auch leben – und rückte mir bald darauf mit seinem Messer Leibe, als er meine sanfteste Grundstimme zu einem 2-füßigen Flötlein abschnitt. Die Terzreihe aus der Mixtur nahm er auch gleich mit. Ein gutes Geschäft: Pfeifen mitnehmen und auch noch Geld dafür bekommen. Die Organistin schien es zufrieden zu sein und hat danach fast 30 Jahre lang auf dem Flötlein gespielt, aber oft habe ich mit ihr auch noch richtige romantische Stunden verlebt.

Viele Jahre gingen ins Land. Von den Orgelmäusen hörte ich schreckliche Geschichten von benachbarten Kolleginnen, die während des Krieges mitsamt ihrer Kirche verbrannten oder im Laufe des danach beginnenden Wiederaufbaus über Nacht verschwanden, da sie angeblich unmodern waren. Unmodern? Noch konnte im mit nicht so recht vorstellen, was „unmodern“ bedeutete. Aber dann wurde ich 60. Meine Gemeinde erhielt Besuch von einem ältlichen Orgelrevisor. Der schlug die Hände überm Kopf zusammen und verkündete, dass ich ein völlig altmodisches und verbrauchtes Werk sei, beschimpfte mich als Fabrikware und im übrigen sei ich mit nur einem Manual für die Erfordernisse der modernen Liturgie und eines zeitgemäßen Gottesdienstverständnisses ungeeignet. Damit sprach er dem neuen Pfarrer aus der Seele, der sowieso der Meinung war, die alten Zöpfe sollten abgeschnitten werden, Erinnern an die Vergangenheit sei unnützer Ballast, Aufbruch zu Licht, Weite und schlichter Größe sei angesagt. Ein Architekt fand sich – Architekten finden sich immer, wenn sie nur endliche wieder einmal ihre Duftmarke hinterlassen dürfen, sei es auch im Revier eines anderen Baumeisters – und besorgte die Neuplanung. Gründlich, da zu diesen Zeiten Geld bei Kirchens im Überfluss vorhanden zu sein schien. Das letzte, was ich vor der Narkose zu meiner eigenen Operation mitbekam war, dass die schönen gotischen Schnitzereien und Aufsätze von der Kanzel gesägt und die Bänke abtransportiert wurden.

Als ich nach einigen Monaten endlich wieder zu mir kam, erkannte ich weder mich noch meine Umgebung wieder. Meinen Stammplatz, die Altarempore, gab es nicht mehr, den alten Altar auch nicht. Die Seitenemporen waren verschwunden, die schönen Schablonenmalereien an der Decke auch. Der Architekt hatte in einer Farborgie geschwelgt: Hellgrau in allen Schattierungen. Ich selbst wagte mich gar nicht anzuschauen: Auf die Rückempore hatten sie mich verbannt, oben herum alles Gehäuse abgesägt und meine nun freistehenden Pfeifen von den wohltuend schlank machenden Überlängen befreit. Vor mir in der Emporenbrüstung erblickte ich eine neue, kleinere Gegenspielerin – ein Rückpositiv, das mich sogleich mit spitzer Stimme anschrie. Ich wollte wie gewohnt mit sonorer Stimme antworten, musste aber feststellen, dass es mir in der Zwischenzeit die Sprache verschlagen hatte. Keine einzige Streicherstimme war mir geblieben und die dezimierten Flöten gaben nur noch erniedrigte Klänge von sich. Stattdessen röchelten und lispelten kleinfüßige Ungeheuer vor sich hin, wenn sie nicht von einer stählern klirrenden Bestie von Mixtur übertönt wurden.

Das war aber noch nichts im Vergleich zu dem Chaos in meinem Inneren: Die metallenen Adern, durch die mein Lebensodem floss, gibt es nicht mehr. Stattdessen zerren und drücken klappernde Magneten an meinen Relaisstationen. Meine große, gesunde Magazin-Lunge im Unterbau ist verschwunden, in ihren Platz ist eine kleine Sperrholzkiste mit einer Art Rasenmähermotor – wenig Hubraum, hohe Drehzahl – getreten. Zugegeben, der alte, große Motor auf dem Dachboden, der mir bei dem kleinen „Facelift“ im Jahre 1937 verpasst worden war, infizierte mich mit manchem Schnupfen oder manchem Fieber, sodass es am Ende um meine Gesundheit nicht mehr sonderlich gut bestellt war, mit der jetzt implantierten halben Lunge komme ich mir aber seither greisenhaft zittrig und schwachbrüstig vor. Was mich aber am meisten schmerzt, ist, dass mein liebevoll gefertigter, eleganter Konsol-Spieltisch verschwunden war und Platz für eine höchst nüchterne, sperrige Kombination aus Krankenrollstuhl und Flugzeugcockpit gemacht hat.

Nun denn, der herbei gereiste Orgelrevisor spielte ein schräges, laut klingelndes Einweihungskonzert – Reda statt Reger -, bei welchem die wenigen kulturverständigen Akademiker in der Gemeinde wichtige und wissende Gesichter machten - das übrige Volk wirkte eher irritiert. Meine lang vertraute Organistin quittierte bald darauf ihren Dienst – auf ihre alten Tage wollte sie ihr Spiel nicht mehr auf den neuen Musikgeschmack des Herrn Revisors umstellen, für den ich ja umgebaut worden war. Vergleichsweise billig sei der Umbau ja gewesen, hieß es, den ein mit dem Orgelrevisor merkwürdig eng verbundenes Unternehmen aus dem hohen Norden vorgenommen hatte. Der Orgelrevisor wurde kurz nach meinem Umbau pensioniert - die betreffende Orgelbauanstalt offensichtlich auch.

Ende der 1960er Jahre begann auf diese Weise mein WG- und Kommunenleben. So richtig fest wollte sich offenbar niemand mehr an mich binden, offensichtlich hatten meine Reize doch deutlich nachgelassen. Vertretungsorganisten fielen unter dem Motto „Wer zweimal auf der Gleichen örgelt, hat nicht genug herumgenörgelt“ gleich scharenweise über mich her. Es war die Zeit der Dispute zwischen Pfarrern und diverser Organisten über das Wohl oder Wehe neuer geistloser Lieder; nicht selten behaupteten dann letztere, so ein Lied könne man mit mir nicht begleiten, was erstere dann zum rudimentären Erlernen des Gitarrespiels zwang und mich zeitweise arbeitslos machte.

Es kam noch schlimmer: Gleichzeitig mit der finalen Kirchenerneuerung war eine kräftige Warmluftheizung installiert worden, die sommerliche Gottesdiensttemperaturen auch in sibirischen Wintern garantierte. Während die mantellose Gemeinde dann unten bei 20°C fröstelte, erreichte die Temperatur in Höhe meiner Windladen gut 5° mehr. Etliche Jahre stemmte ich mich dank guter Gene gegen diese Angriffe auf meine Gesundheit, schließlich hielt ich diese Wechselbäder der gefühlten Temperaturen nicht mehr aus – meine Kanzellen und manche Holzpfeife begannen rissig zu werden, ich verlor Wind aus allen möglichen Spalten und Löchern. Meiner Wertschätzung tat dies alles nicht gut, das Niveau der Spieler und ihrer Musik sank mit der Zahl meiner Gebrechen. Fast wäre dies mein Ende gewesen, laut dachte man über die Anschaffung eines elektronischen Ersatz-Tastenmöbels nach.

Vorerst gerettet wurde ich dann im Alter von 80 durch einen Pfarrerwechsel, der seine Orgel spielende Frau mitbrachte. Der neue, umtriebige junge Pfarrstelleninhaber begann sofort, Geld für die Renovierung der inzwischen durch die defekte Heizung ziemlich verrußten Kirche zu sammeln. Die durfte nun wieder etwas heimeliger aussehen: Die grauen Farben wurden abgewaschen, Decken und Wände nach restauratorischem Befund neu gestrichen. Nur die weggenommenen Seitenemporen und Ausstattungsstücke konnten mangels Geld nicht rekonstruiert werden. Zum Glück reservierte er etwas Geld für meine Instandsetzung. Und als ein neuer Orgelgutachter auf dem Dachboden einen Großteil meiner 1967 herausgenommenen Pfeifen und sogar Teile des abgesägten Obergehäuses fand, sorgte ein ungenannt bleiben wollende greise Spenderin dafür, dass zumindest ein Teil davon wieder eingebaut werden konnte. Endlich war ich das überblasende Doppelrohr-Piffaro im Pedal und Sifflöte 1´ im Manual wieder los und freute mich über den Wiedereinzug von Violonbaß und Gambe. Ein mitleidiger Intonateur mit ausnahmsweise einmal verständigem Gehör brachte dem übrigen Kleingemüse von 1967 erträglichere Flötentöne bei. Der Rest meiner alten Pfeifen wurde katalogisiert und sicher gelagert. So gerüstet und gestimmt, erklangen von der Empore nun wieder harmonischere Töne, zur Freude von Spielern und Hörern.

Doch nun – zwei Jahre vor meinem 100sten Geburtstag, drohte das endgültige Aus. Die Stadtsynode, zu der meine Gemeinde seit längerer Zeit zählte, beschloss, meine Kirche aus finanziellen Gründen zu verkaufen. Die Gemeindeglieder sollen in zwei größeren Kirchen in der Nähe eine neue Heimat finden. Ein Käufer für meine Heimstadt ist bereits vorstellig geworden – eine russisch-orthodoxe Gemeinde, die zwar für das Gebäude, augenscheinlich jedoch nicht für mich Interesse zeigt.

Zum Glück kam nun gestern besagter Besuch. Die offensichtlich orgelverständigen Fachleute meinten, dass meine Substanz ja eigentlich gut und solide sei, sogar das alte Pfeifenwerk sei größtenteils noch da. Gut, der Magazinbalg und der Spieltisch seien weg, aber auf diese Weise könnte man doch einmal exemplarisch zeigen, wie man einer romantische Dorforgel mit heutigem Verständnis ein stilistisch passendes zweites Manual anfügen könne, selbstverständlich hinterständig, vielleicht solle man sogar eine Re-Pneumatisierung wagen. Ein jüngerer Orgelspieler erwiderte, ja genau das sei es, was er eigentlich die ganze Zeit schon gesucht habe, seine große Hauptorgel aus den 70ern dürfe er aus einsichtigen Gründen – manche Spender seien noch lebendig - noch nicht antasten, aber in die Filialkirche mit ihrem Elektrium würde ich hervorragend passen und dort könnte er dann endlich seiner Passion, dem Spielen der deutschen Hochromantik nachgehen.

Alle waren am Ende einig und hocherfreut. Ich auch, wenngleich ich mit dieser Entscheidung meine Heimat verlassen muss und mir offenbar eine neue, schwere Operation bevorsteht. Aber in meinem Alter muss man ja froh sein, wenn die Orgelkrankenkasse überhaupt noch etwas zahlt und man nicht endgültig zum alten Eisen geworfen wird – oder lebt man dank der Gnade der frühen Geburt als fast Hundertjährige nicht doch schon an der Grenze zur Unsterblichkeit?

MK, VOD-Tagung Essen 2005

 

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Orgel-Re-Restaurierungen: Segen oder Fluch?

Als Wahlbürger des Musterlandes Baden-Württemberg kann man als einschlägig Interessierter die weltweit größte Orgelbauerdichte pro Quadratkilometer genießen. Gleichzeitig scheint nirgendwo anders die Veränderungsgeschwindigkeit im Orgelbestand höher - gewesen - zu sein. Ob hier ein direkter Zusammenhang besteht, soll an dieser Stelle jedoch nicht weiter vertieft werden.

Bayern und Baden-Württemberg waren bis etwa Mitte der 80er Jahre orgeldenkmalpflegerisches Entwicklungsland. Sowohl bei kirchlichen als auch staatlichen Orgelsachberatern galt häufig nur die Orgelfassade als schützenswert, das denkmalpflegerische Interesse erlosch seinerzeit jenseits spätbarocker Arkanthuslaubschnitzereien. Das eigentliche Orgelwerk diente als Verfügungsapparat, mit dessen Hilfe der gerade amtierende Kantor seine musikalischen Träume zu realisieren suchte. Erkenntnisse nördlich des Weißwurst-Äquators gelegener Gebiete setzten sich nach dem Motto „mir san mir” oder „des koscht zviel” nur vereinzelt durch, Verfechter einer neuen Sicht wurden entweder milde belächelt (auf Tagungen) oder wüst beschimpft (wenn es um das „Unter-Denkmalschutz-Stellen” der eigenen Orgel ging). Als in den späten 1980er Jahren die Stellen für Orgelbeauftragte bei den Landesdenkmalämtern neu besetzt wurden und der Begriff „denkmalgerechte Restaurierung” neu definiert wurde sah es zunächst wie ein Kampf gegen Windmühlen aus, den die Amtsinhaber führen mussten. Bis heute spielen in manchen Regionen Süddeutschlands Kirchengemeinden und Orgelberater das Spiel „Wer hat Angst vorm Denkmalmann” und beschädigen oder zerstören so immer noch manch wichtiges Zeugnis etwa der Spätromantik, der Orgelbewegung oder der frühen Wirtschaftswunderzeit.

Das „Schaffe, schaffe…” im Ländle bezog sich nicht nur auf den Neubau von Wohneigentum, sondern gerade auch auf den Neu- und Umbau von Orgeln. Was der Krieg nicht zerstört hatte, wurde entweder als „alter Zopf” der Väter abgeschnitten und durch „was Recht´s” ersetzt oder aber es wurde umgebaut, erweitert, oder zu früh restauriert. Dem Wirtschaftswunder sei der zweifelhafte Dank zuteil, dass in der Regel reichlich Geld zur Verfügung stand, die Träume halbwissender Orgelenthusiasten zu erfüllen.

Dass die allgemeine Erneuerungsbewegung sich zusätzlich auch der Kirchen selbst, ihrer Einrichtung und Ausstattung bemächtigte, eröffnete eine zweite Frontlinie, welcher die Orgellandschaft praktisch schutzlos ausgeliefert war. Besonders die Orgeln der Romantik erlitten dabei massive äußere Verletzungen und Verluste - Gehäuse wurden amputiert oder verstümmelt, „grau”enhafte Bemalungen aufgebracht, oder die Instrumente wurden gleich durch neobarocke Neugestaltungen der Supperlative ersetzt. Glücklicherweise entkamen einige wenige historische Orgeln dem Gemetzel - dann nämlich, wenn gleich die ganze Kirche dank eines Neubaus stillgelegt wurde und das Inventar in Vergessenheit geriet.

Irrgeleite Orgelwissenschaftler oder wild gewordene Tastenhengste schufen die geistigen Grundlagen mancher Orgelmonster durchaus Frankenstein´scher Prägung. Die daraus resultierenden inneren Verletzungen wurden den Instrumenten dann von willfähigen Orgelbauoperateuren zugefügt: Neue Lungen, Austausch des Blutkreislaufs, Transplantation der Stimmbänder und/oder Geschlechtsumwandlung waren die häufige Folge.

„Die Instrumente wurden erweitert, ergänzt, ausgebeint, entkernt, barockisiert, aufgenordet, dem liturgischen Gebrauch gemäß umgestaltet, neu interpretiert, mit 30-tönigen Großpedalwerken und 56-tönigen Spielschränken versehen, entsorgt und gelegentlich auch restauriert. Darunter verstand man meist das Ersetzen von Bauteilen und Konstruktionen, die ein wenig Mühe bei der Reparatur verursacht hätten oder die man nicht verstand. Über allem wehte der Zeitgeist, der die Beteiligten derart einte, dass derlei Selbstverständlichkeiten und weshalb man sie tat, nicht festgehalten werden brauchten.”[1]

Die Vokabel „Rekonstruktion” bezog sich nicht etwa auf stilreine Kopien verlorengegangener Orgelteile, sondern auf die Wiedergewinnung der Funktion einer Baugruppe - auch wenn dadurch vielleicht die zugegebenermaßen marode Spielanlage durch ein Serien-Chassis eines namhaften Zulieferers ersetzt wurde. Besonders bei fehlendem Pfeifenwerk waren der Fantasie der rekonstruktionswütigen Bearbeiter wenig Grenzen gesetzt: Bei Labialen wurde allenfalls auf die richtige Schreibweise des Registernamens geachtet, bei Lingualen wurde das eingebaut, was der Pfeifenmachermarkt gerade hergab.

Bis in die Gegenwart erschöpfen sich Rekonstruktionsversuche solcherart orgelbewegter Fehlstellen bei einer neuerlichen Überarbeitung in der Verwendung von „Massivholz” (anstelle von der gleichen Firma zuvor verwendeten innovativen Aluminium-Sperrholz-Konstruktionen) und der Wiederherstellung verlorengegangener Register nach der Weitenmensur, vielleicht noch wenigen anderen Bauparametern. Die vorbildgerechte, durchdachte und verstandene Nachschöpfung, die dem Vorbild zugrundeliegende exakte Handwerkstechnik und Materialauswahl sind jedoch häufig immer noch vernachlässigte Details; der Grundsatz „Kapieren statt Kopieren” hat sich noch längst nicht überall durchgesetzt.

Noch trüber ist der Blick in die Restaurierungsgeschichte. Das Wiederherstellen der Funktion hatte eindeutig Priorität vor dem Erhalten historischer Substanz. Verschleißmaterialien wie Leder, Filz oder Tuch wurden flächendeckend entfernt, auch wenn die Materialien etwa in der dreigestrichenen Oktave der Klaviatur oder in selten gespielten Bereichen der Taschenladen noch neuwertig waren. Schleifladen wurden in Sperrholzprothesen eingepackt, mit Plastikleim geflutet, ihrer Schleifen, Dämme Ventile und Windkästen beraubt - alles um ihres vorgeblichen und vermeintlichen Erhaltes willen. Wenige Wurmlöcher reichten aus, Rasterbretter, Stöcke, ja ganze Register im Ofen verschwinden zu lassen. Die verbliebenen Teile tränkte man derart mit hoch giftigen Holzschutzmitteln, dass streng genommen Organisten und Besucher zu ihrer eigenen Sicherheit immer noch Atemschutzmasken tragen müssten. Intonateure gingen auf Kernstichjagd und befahlen das Einlöten neuer Kerne, da es derartig Intonierhilfen ja zur Erbauungszeit noch nicht gab, oder aber sie übertrugen - oft unbewusst - die Klangwelt ihrer Firma auf das zu restaurierende Objekt.

„Nach 25-40 Jahren stehen die derart bearbeiteten Orgeln nun heute wieder zur Behandlung an - die gepriesenen neuen Materialien und Konstruktionen haben ausgedient, meist faktisch und zu Recht, zuweilen aber auch, weil niemand mehr so recht weiß, weshalb sie eingebaut wurden. Schwerer wiegt, dass häufig keine oder höchstens unzureichende Aufzeichnungen vom vorgefundenen Zustand zu finden sind. Wozu etwas beschreiben, wenn es doch ohnehin weggeworfen wird? In Verbindung mit Kriegsverlusten von Archiven und dem unerwarteten Exitus von Orgelbaubetrieben sieht die Ausgangslage für Rekonstruktionsarbeiten bei solchen Orgelrestaurierungen recht düster aus.”[2]

Eine der Hauptforderungen an die Beteiligten bei Re-Restaurierungen heute muss sicherlich lauten, sorgfältig mit dem Thema Dokumentation umzugehen. Doch die Praxis zeigt ein Zerrbild:

„1. Die Finanzen der Kirchen stellen sich längst nicht mehr rosig dar. Spenden müssen sich auf erheblich mehr Gemeindeprojekte als noch vor 10 Jahren verteilen, der Rotstift regiert gerade auch beim Unterhalt, der Reparatur und auch der Restaurierung von Orgeln. Spektakuläre Prestigerestaurierungen oder -rekonstruktionen können dieses trübe Bild nur wenig aufhellen. Dokumentation wird als Luxus abgetan, da weder der Organist noch die Gemeinde sie beim Spielen oder Hören vermisst.

2. Immer mehr Orgelbaufirmen haben mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu kämpfen. Dokumentationen werden, um im Wettbewerb zu bestehen, entweder gar nicht oder nur marginal kalkuliert, für die Erstellung ehemals eingestellte Mitarbeiter werden freigesetzt. Die Verbleibenden sind häufig zwar im Umgang mit Hobel und Säge, nicht jedoch im Umgang mit Lupe und Schreibstift geübt.

3. Ein Aufschrieb, ein Aufbewahren, ein Erinnern an das Ungeliebte, wozu die Mühe? Substanzielle Eingriffe an überarbeiteten (historischen) Orgeln nennt man nicht mehr Umbau oder Erweiterung sondern vornehm neudeutsch Reorganisation.

4. Kirchliche Orgelsachverständige sind in der Regel nebenamtlich, für diese Arbeit schlecht bezahlt oder derart überlastet, dass jede zusätzliche Archivstunde als Frondienst empfunden wird oder mühsam freigeschaufelt werden muss. Viele gerade Jüngere haben im Umgang mit Archiven oder mit dem Lesen historischer Dokumente erhebliche Probleme.

5. Untersuchungsergebnisse bereits abgeschlossener Projekte sind nicht zugänglich, da sie sich in Privatarchiven von Forschern oder Firmen befinden, die ihren Marktwert nicht schmälern möchten oder die Ergebnisse erst in einer möglichen späteren Publikation veröffentlicht sehen wollen. Burkhart Goethe hierzu: „War es noch vor 20 Jahren unter Orgelbaukollegen üblich, sich mit historischen Blaupausen oder Mensurtabellen von jener Orgel gegenseitig auszuhelfen, die zwar der Großvater gebaut, aber der Kollege nun mal zufälligerweise zu restaurieren oder zu rekonstruieren hat, so wacht man heute in einem fast gnadenlosen Konkurrenzkampf sorgsam über seine Schätze wie die Glucke auf dem Ei.”[3]

6. Bisher initiierte Orgel-Datenbankprojekte sind zwar gut gemeint, teilweise auch mit hohem wissenschaftlichen Anspruch untermauert, die Szene mutet aber eher wie ein Sammelsurium unterschiedlicher jeweils neu erfundener Räder an: Jeder ist sich selbst der liebste Einradfahrer, anstatt mit anderen an der Entwicklung eines langlebigeren und universell brauchbareren Allrad-Fahrzeugs zu arbeiten.

7. Restaurierungsberichte sind plötzlich nicht mehr auffindbar: Das Pfarrarchiv ist umgezogen, der seinerzeitige Orgelsachverständige in Ruhestand und der damals beauftragte Orgelbaubetrieb pleite. Zuweilen drängt sich auch der Verdacht auf, das genaueres Quellenstudium gar nicht erwünscht ist, um die Kreativität der beteiligten Orgel(bau)künstler nicht allzu sehr zu beschneiden.

8. Die Anwendung wissenschaftlicher Methoden zur Befunduntersuchung oder bei der Auswahl geeigneter Ausführungsstrategien ist häufig nur bei Prestigeobjekten gegeben. In der breiten Realität schwört etwa bei Holzwurm- oder Schimmelbefall jede Firma auf ihr eigenes Hausmittel.

Gerade letzterer Punkt bietet reichlich Diskussionsspielräume: Die mit hohem personellen und finanziellen Aufwand erstellten Vorzeige-Dokumentationen bei historisch besonders wertvollen Instrumenten und an Orten mit potentem finanziellen Hintergrund führt zuweilen dazu, dass manche Vertreter staatlicher Denkmalämter versucht sind, Elemente solcher beispielhafter Forschung auch bei Instrumenten zu fordern, die nicht zu den herausragenden Zeugnisse des Orgelkulturerbes zählen und deren Restaurierung von „kleinen” Kirchengemeinden ohne Orgelförderverein finanziell zu stemmen ist. Der Forderungskatalog umfasst dann zunächst etwa eine vollständige zeichnerische Erfassung des Orgelgehäuses mit Unterstützung der Fotogrammetrie, dendrochronologische Untersuchung der Hölzer der vielleicht nicht originalen Balgeinhausung, spektrometrische Analyse der Legierungszusammensetzung verschiedener Register, Röntgendurchleuchtungen der Prospektstockverführungen oder digitalisiertes, dreidimensionales Aufnehmen jedes Einzeltones einschließlich An- und Absprache vor und nach der Restaurierung. Teilweise wird zusätzlich vorzuschreiben versucht, welche Methoden bei der Restaurierung genau anzuwenden und welche Materialien (mit Herkunftsnachweis) zu verwenden sind, selbst wenn das Wissen des zuständigen Mitarbeiters bei der Denkmalbehörde gewisse Lücken aufweist und einen deutlichen Subjektivismus ausstrahlt. In den betreffenden Fällen kostet es viel Zeit und Energie, derart pauschalierte und überzogene Forderungen abzuwenden und instrumentengerechte Lösungen zu vermitteln.

Forderungen nach bestimmten besonderen Dokumentationsstandards müssen im Detail begründet sein: Welche neue, nicht anderweitig zugängliche Erkenntnis wird erhofft, ist die Fragestellung für einen denkmalpflegerisch einwandfreien Verlauf der Restaurierung relevant, steht der Aufwand in einem akzeptablen Verhältnis zum Ertrag - und wem dient der Ertrag, dem Instrument und seiner Wertschätzung oder der Befriedigung persönlicher Neigungen des Fragenden?

Die Furcht vor den Argusaugen denkmalschützender Kernstichzähler treibt gelegentlich seltsame Blüten: Zur Vertuschung eigener ausgleichwütiger Messerspiele greifen manche Intonateure zu chemischen Patinierungsmittelchen und machen damit ihre neuerlichen Eingriffe unkenntlich - und damit jegliche Nachdokumentation unmöglich.

Auch die Archivarbeit kann ein Fass ohne Boden sein, wie Alfred Reichling 2002 schreibt: „Der Aufwand dieser Forschungen ist hoch, aber lohnend. Neben den Ortsarchiven ist meist eine Vielzahl anderer Archive zuständig, die nicht selten Reisen von hunderten von Kilometern nötig machen. Für das 19. Jahrhundert liefern auch Zeitungen und offiziöse und offizielle Periodika oft erstaunlich informative Texte, die manchmal die einzigen Quellen für bestimmte Ereignisse sind, wenn alle Archive versagen. Wenn aber eine Gegend mit unterschiedlichen Zeitungen reich gesegnet ist, ergibt sich im Handumdrehen eine hohe dreistellige Zahl von Bänden, die nach und nach durchzublättern sind. Bereits vorhandene Literatur muss kritisch überprüft werden. Fehler, die durch bedenkenloses Abschreiben über Jahrzehnte tradiert wurden, sind nur schwer wieder auszurotten.[4]

„Sicher, erstrebenswert ist eine derart akribische Vorgehensweise auf jeden Fall, sie setzt nur ein hohes Maß an wissenschaftlicher, z.B. paläographischer Vorbildung, Enthusiasmus und Idealismus voraus, das nur von Wenigen zu leisten ist. Nicht jede Dokumentation hat die Ehre, in Buchform einem breiteren Publikum zugänglich gemacht zu werden und manche Orgel-Ente mausert sich auch durch hochwissenschaftliche Beschäftigungstherapie nicht zum Orgel-Schwan”[5].

Dabei reichen die Elemente der „traditionellen” Dokumentation, also Untersuchung des Instrumentes und seines Zustandes, Zusammentragen der bauzeitlichen Akten und der Belege der Veränderungsgeschichte und das Festhalten der jetzt vorgenommenen Restaurierungsschritte eigentlich nicht aus, um objektivierbare Kriterien für die Bearbeitungsqualität und eine dauerhafte Erhaltungsprognose individuell für jede einzelne Orgel zu entwickeln. Zunächst muss eine Zielkriterienbestimmung[6] erfolgen, welche anhand der Orgel-Parameter und des Orgel-Umfeldes den Blick für den rechten Maßstab öffnet, sodass man einerseits nicht mit Kanonen auf Spatzen schießt, andererseits eine Perle nicht vor die Säue wirft.

Die Zielkriterienermittlung ist Bestandteil der Rahmenbedingungen-Analyse. Das Ermitteln und das Verbessern von Rahmenbedingungen gehören zwingend zu einem fundierten Re-Restaurierungskonzept. Mit den Ergebnissen lassen sich nicht nur Schadensbilder und Lücken der Veränderungsgeschichte erklären, ihr Einstellen auf orgelverträgliches Niveau trägt entscheidend zum dauerhaften Erfolg der jetzt vorgenommenen Maßnahme und zur Wertschätzung der Orgel bei. Die wichtigsten Rahmenbedingungen sind bekanntlich Klima/Licht einschließlich Heizung, Akustik, Statik, Nutzung, Unterhalt und Finanzen[7].

Das Verbessern von Rahmenbedingungen ist unabdingbar, um das Spannungsfeld zwischen Istzustand und Bestzustand einer Orgel aufzulösen. Tabus sind hier fehl am Platze: Bei besonders wertvollem, sensiblem historischem Bestand sollte für den Dauergebrauch ein Zweitinstrument beschafft werden - sei es wie im Fall der Klosterkirche Maihingen ein robustes Werk aus dem 19. Jahrhundert oder aber im Einzelfall sogar ein Elektrium. Während frühere Orgelüberarbeitungen primär das Instrument und die daran notwendigen Arbeiten im Fokus hatten, spielt heute auch vor dem Hintergrund nachhaltigeren Wirtschaftens das instrumentenbezogene Umfeld eine immer größere Rolle. Als Fazit kann man festhalten: Wissen hilft gegen Vergessen. Fragen schützt vor Fehlern. Dokumentation verhindert Verfälschung und Geschichtsklitterung.

Die Erfahrung lehrt, dass zu jeder Zeit Wissen neu erworben, jedoch im gleichen Zeitraum auch Wissen verloren geht. Das Selbstverständnis des Beherrschens von Handwerkstechniken früherer Epochen schwindet analog zur Ausdünnung und Verjüngung der Mitarbeiterschaft in den Orgelbauwerkstätten. Viele junge Orgelbauer sehen ihre persönliche Berufung nicht im demütigen Verneigen vor der Meisterschaft eines vor Generationen Verblichenen sondern eher im Ausleben neuschöpfender Kreativität. Damit einher kommt eine in der menschlichen Natur (und aus wirtschaftlicher Notwendigkeit) begründete Selbstüberschätzung und Überheblichkeit, nach der heutzutage doch alles machbar sei und wir heute doch ohnehin alles besser können.

So erleiden Werkstätten beispielsweise regelmäßig immer wieder Schiffbruch, wenn sie erstmals Taschen einer Taschenlade neu beziehen. Trotz allen theoretischen Wissens über Lederauswahl, -barbeitung, -verleimung, -pressung, Regulierung der Federn, Ausrichten der Bauteile etc. wird irgend ein Detail nicht bedacht, falsch eingeschätzt oder ausgeführt, sodass das Ergebnis suboptimal bleibt, zeitaufwendiges Nacharbeiten nach sich zieht und schließlich den vorgeblichen Nachteilen des pneumatischen Systems zugeschrieben wird. Über anderen Orgeln dieses Typs schwebt anschließend das Damokles-Schwert von Rufmord, ohne Aussicht auf eine faire Gerichtsverhandlung, bei der Entlastungszeugen präsentiert werden könnten.

Bei Re-Restaurierungen wird selten genug die Frage gestellt, ob der ursprüngliche, jetzt wieder angestrebte Zustand der Orgel ihre Attraktivität und Akzeptanz tatsächlich verbessert und damit ihrem Langzeiterhalt dienlich ist. Es ist zumindest zuweilen fraglich, ob manche konstruktive Lösung der Überarbeitung orgelbautechnisch nicht doch besser und sinnvoller ist als die ursprüngliche Konstruktion an gleicher Stelle. Weshalb wurde überhaupt umgebaut, warum wurden pneumatische Orgeln elektrifiziert, Dispositionen aufgehellt, Zweimanualigkeit hergestellt, Pedalumfänge erweitert, Ventilschlitze und Ventile verschmälert, Trakturen ausgetucht, Spielanlagen erneuert, Kasten- und Magazinbälge gegen Schwimmerbälge getauscht, Stütznähte gesetzt und Schleifendichtungen zugefügt?

Sicherlich war es seinerzeit billiger, einen Sperrholz-Schwimmerbalg neu anzufertigen als den Doppelfalten-Magazinbalg fachgerecht neu zu beledern. Aber hatte nicht zuvor die extrem schwierige Zugänglichkeit der Membranenleisten den Orgelbauer der Wartungsfirma regelmäßig in Verzweiflung gestürzt? - Sicherlich war es seinerzeit einfacher, die Kegelladenorgel mittels eines neuen Zulieferer-Spieltisches zu elektrifizieren. Aber hatte nicht auch der altgediente Pneumatiker in der Firma vor einer Instandsetzung gerade bei dieser pneumatischen Anlage gewarnt, da die Koppelstöcke zu eng dimensioniert seien? - Sicherlich hatte seinerzeit die Änderung der Übersetzungsverhältnisse in der Traktur, der Einbau moderner Ventilfedern und schmalerer Ventile auch den Denkmalwert geschmälert. Aber war nicht das Instrument zuvor derart schwer spielbar gewesen, dass die Manualkoppel unbenutzbar war und manche Organisten ihre Sehnenscheidenentzündungen gar nicht mehr auskuriert bekamen? - Sind bereits vorgenommene verbessernde Veränderungen stets zurückzuführen?

Wird letztlich vielleicht durch manche Rückführung nicht nur das Ego des verantwortlichen Orgelsachverständigen gestärkt, nun auch in der Liga der Stilpuristen mitspielen zu dürfen. Das Sakrileg eines in den 1960er Jahren erweiterten Pedalumfanges fordert Buße und Wiedergutmachung - das einzig angemessene Sühneopfer lautet: Gib dich zufrieden und sei stille - 17 Tasten sind besser, angemessener und übersichtlicher als 27. Außer beim Wiedereinweihungskonzert ward der Überbringer der frohen Botschaft aber in der betreffenden Gemeinde nie mehr gesehen.

Kann man nebenamtlichen Organisten verdenken, wenn sie ob offensichtlicher kompositorischer Qualitätsunterschiede lieber Buxtehude statt Baumeister spielen wollen? Steigt oder sinkt bei einer Re-Restaurierung die Wahrscheinlichkeit, dass der nächste Eingriff vorprogrammiert ist, und sei es nur, dass die Gemeinde die Klagen der ständig wechselnden Vertretungsorganisten über die Eigenarten der nun wieder „originalen” Orgel nicht mehr hören mag? Ist nicht Voraussetzung für Verständnis und Wertschätzung, dass die Ausbildungsstätten gerade für nebenamtliche Kirchenmusiker verstärkt auch den Umgang mit und Literatur für historischen Orgeln lehren - und wird dies in der Praxis trotz mannigfaltiger Appelle nicht regelmäßig ignoriert?

Weg ist weg und vorbei ist vorbei. Die Wiederherstellung des stimmigen historischen Kontextes ist bei vielen Projekten ein anerkennenswertes, hehres Ziel. Trotzdem können alle Rekonstruktionen nur Annäherung sein, niemals können sie das verloren gegangene, veränderte Original ersetzen oder einen „Originalzustand” wiederherstellen. Es mutet geradezu grotesk an, wenn aus einigen Pfeifen, Gehäuseteilen und vielleicht noch Windladenresten vorgeblich authentische Originale wiederauferstehen oder bei Rekonstruktionen Neuteile künstlich gealtert werden, damit man bloß nicht hört, wie die Barockorgel vielleicht im Neuzustand geklungen hätte, sondern so, wie es der Erwartungshaltung 250 Jahre später entspricht - Fantasialand lässt grüßen.

In Nord- und Ostdeutschland fanden die Forderungen nach denkmalgerechten Restaurierungen gemäß des Weilheimer Regulativs oder den „Richtlinien zum Erhalt denkmalwürdiger Orgeln” großteils erheblich früher Gehör als im Süden. Wendepunkte für das Bewußtsein gegenüber qualitätvollen denkmalgerechten Restaurierungen zumindest bei Barockorgeln waren in Bayern die Orgel der bereits oben erwähnten Klosterkirche Maihingen und in Baden-Württemberg die Orgeln einiger Klosterkirchen in Oberschwaben (z.B. Neresheim und Weingarten).

Bei der Baumeister-Orgel in Maihingen entbrannte abseits der grundsätzlichen Einigkeit bezüglich aufwändiger und innovativer Dokumentations- und Konservierungsmethoden ein Streit über die Windstößigkeit des Rückpositivs und den Erhalt des bauzeitlichen Balgleders an den Keilbälgen. Beide Problembereiche wurden aus meiner Sicht auf beispielhafte Art gelöst: Die herausnehmbaren Spunddeckel der Rückpositivlade können nun bei Bedarf gegen solche mit angebauten Stoßfängern getauscht werden, die Windversorgung kann zur Schonung der Bälge alternativ durch eine moderne Motor-Balg-Kombination erfolgen.

Dank verstärkter Aus- und Fortbildung auch von kirchlichen Orgelsachverständigen (vor allem auch durch die VOD) nähern sich die Analysen, Bewertungen und Zielkriterien kirchlicher und staatlicher Orgeldenkmalpflege auch in Süddeutschland immer mehr an. In evangelisch Baden, für das ich heute spreche, gilt prinzipiell folgende Vorgehensweise:

A. Gestufte Bestandsaufnahme

1. Bezirksbereisungen in 10-15-jährigem Turnus: Ausfüllen einer Orgel-Checkliste mit Foto, Video- und Tondokumentation. Maßnahmenunabhängige Bestands- und Wartungskontrolle.

2. Befunderhebung vor der Maßnahme: Detaillierte Orgelaufnahme nach standardisierter Vorlage. Feststellen der Veränderungen, Bestimmen der Originalsubstanz. Sichtung der Quellenlage, Suchen von Vergleichsinstrumenten.

B. Runde Tische

1. Herstellen des Einvernehmens mit der Denkmalpflege über Ziele und Umfang der Maßnahme. Finden und Feststellen des Stellenwertes des Instrumentes und der Maßnahme. Erstellen eines Rahmenkonzeptes anhand der Orgelaufnahme. Gemeinsame Liste geeigneter Orgelbaufirmen.

2. Erkunden aktueller und Verabreden künftiger Rahmenbedingungen mit den Besitzern/Nutzern: Raumklima, Nutzungsintensität (Dauer, Häufigkeit, Anspruch), Zweitinstrument. Feststellen des Finanzierungsrahmens.

3. Vergleich der Angebote der Firmen unter denkmalpflegerischen und finanziellen Gesichtspunkten. Auftragsklärungsgespräch zwischen dem/den Favoriten, Besitzern/Nutzern, Landesdenkmalamt und Orgelsachverständigen. Vergabe, Verabreden der Dokumentation, des Konzeptes, der Vorgehensweise und der Kontaktpflege.

4. Maßnahmenbegleitung durch OGPA und LDA (Auswerten von Quellen, Vergleichsstudien, Bauaufsicht, Abklärung einzelner Arbeitsschritte). Das Orgel- und Glockenprüfungsamt betreibt dabei Projektmanagement und Qualitätssicherung.

Wer meint, dass moderne Zeiten, der vielbeschworene Fortschritt oder guter Wille schon alles ins richtige Lot bringen werde und die Zeit alle Wunden heilt, irrt: Durch die jüngste Verwaltungsreform in Baden-Württemberg entledigte sich das Land beispielsweise seines Orgeldenkmalpflegers und damit der Verantwortung - mancherorts soll es bereits Freudenfeuer, gespeist aus Steinmeyer´schen oder Weigle´schen Taschenladen gegeben haben, die Intoniermesser werden wieder gewetzt. Leider haben die Kirchen und auch die Orgelbauer damit einen wichtigen Lobbyisten innerhalb der Verwaltungshierarchie verloren - Zuschüsse für Orgelrestaurierungen wird es künftig kaum noch geben, den üblichen Kunsthistorikern liegen eben Fachwerkhäuser näher.

Viele wähnen das Orgelerbe heute in Sicherheit, da ihrer Meinung nach das Bewusstsein und der Besitzerstolz gegenüber Instrumenten der Barockzeit und der Romantik mittlerweile stark genug ausgeprägt sei, um diese dauerhaft zu schützen und zu erhalten. Orgeln der Vätergeneration geht es da schlechter, sie haben keine Lobby und kaum Fürsprecher. Die gleichmacherische Kritik der Spätgeborenen kennt häufig keine Gnade. So ist ihnen der Blick auf manches Orgel-Dornröschen verstellt, da in vielen Hochschulplantagen die professoralen Schösslinge akkurat beschnitten und die Hecken zum Unbekannten und Unzeitgemäßen nur allzu eifrig gedüngt werden. Die gleichen Gralshüter werden jedoch mit Sicherheit zu einem späteren Zeitpunkt, wo man sich vielleicht studentenzahlenfördernd innovationsfreudig gebären, die Konkurrenz düpiert werden muss oder der Markt einfach nach neuer Ware schreit, Pepping, Diestler und Reda wieder entdecken und zur aufführungspraktisch korrekten Wiedergabe und als beglückende perönliche Offenbarung Bornefeld- und Rößler-Kopien herstellen lassen.

„Heute sind es nicht mehr die Orgeln des Barock und er Romantik, an denen bedenkenlos herumexperimentiert wird, heute sind es die Instrumente der Orgelbewegung und der genannten Wirtschaftswunderzeit, die auf den Folterbänken vorgeblich liturgisch-konzertanter Verwendbarkeit gerädert und geopfert werden. Die Zimbel auf dem Gambenstock, die Gambe auf dem Zimbelstock - anscheinend geraten ganz bestimmte Pfeifen immer wieder in die Gefahr, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein.[8]

Re-Restaurierungen von Orgeln sind Segen und Fluch zugleich: Es besteht die Chance, es dieses Mal besser machen zu können, gleichzeitig aber die Verpflichtung, es besser machen zu müssen. Besser bedeutet in jedem Fall: fundiert, reflektiert, objektiv und bescheiden.

MK, VOD/BDO-Tagung Roggenburg 2006



[1] Martin Kares, Dokumentation im kirchlichen Umfeld[2] Martin Kares, Dokumentation im kirchlichen Umfeld[3] Burkhart Goethe, Urheberrechtliche Fragen bei der Arbeit an Denkmalorgeln, S.32. In: Forschung und Dokumentation bei Orgelprojekten. Veröffentlichung der VOD, Karlsruhe 2003.[4] Alfred Reichling, Forschung und Orgelbau. In: Forschung und Dokumentation bei Orgelprojekten, S. 13f.. Veröffentlichung der VOD, Karlsruhe 2002.[5] Martin Kares, Dokumentation[6] Uwe Pape …[7] Martin Kares, Rahmenbedingungen bei Restaurierungen, AOL[8] Martin Kares, Dokumentation

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Erstarrung oder Emotion ? - Die Orgelkultur am Scheideweg

Bereits vor der gegenwärtigen Finanz- und Wirtschaftskrise vermeldete der deutsche Orgelbau Hiobsbotschaften: Neue Orgeln werden kaum noch in Auftrag gegeben, was zu einem Arbeitsplatzabbau in den Betrieben von etwa einem Drittel in den vergangenen zehn Jahren geführt hat. Einige Werkstätten wurden bereits aufgegeben, andere haben Arbeitsbereiche ausgelagert.

Gut zwei Drittel des zu verteilenden Auftragkuchens für die noch ca. 1.500 Beschäftigten im deutschen Orgelbau backen die Kirchen. Hier wird deutlich, weshalb in vielen Orgelbauwerkstätten zurzeit Krisenstimmung herrscht: Alle Diözesen und Landeskirchen samt ihren Gemeinden haben aufgrund der Kirchensteuerentwicklung größte Schwierigkeiten, ihre Haushalte auszugleichen. Mehr noch: In den Kirchengemeinden kopiert man einerseits die Fundraising-Konzepte von Orgelfördervereinen zur Finanzierung von anderen Aktivitäten, die plötzlich nicht mehr aus dem Etat gezahlt werden können – mit der Folge, dass die selbe Kuh sich nicht zweimal melken lässt -, oder es ist plötzlich die gleiche allgemeine lähmende Verunsicherung zu spüren, die in weiten Teilen der Gesellschaft schon seit einiger Zeit zu beobachten ist: Engagierte Personen sind Mangelware, anstehende Projekte werden aus Mangel an Mut immer wieder verschoben, die Bereitschaft für längerfristige Bindungen und Anstrengungen sinkt – mit fatalen Auswirkungen auf Orgelfördervereine oder Orgelbauverträge mit mehrjähriger Laufzeit.

Die Krise hat einerseits strukturelle Ursachen im deutschen Orgelbauwesen, andererseits rücken Anspruch und Wirklichkeit der Vermittlung und der Akzeptanz von Orgelkultur im kirchlichen Umfeld zunehmend weiter auseinander. Beide Bereiche werden zunächst getrennt beleuchtet:

I. Struktur- und Seinskrise im Orgelbau

Hat die Unterstellung mancher Orgelspiel-Gurus, neuzeitlicher Orgelbau in Deutschland habe sich in den letzten Jahren eher zum Provinziellen entwickelt, einen realen Hintergrund? Mit den Umbrüchen in der Weltwirtschaft und der Globalisierung werden tatsächlich Werte, Leistungen und Errungenschaften traditionellen Handwerkertums in Frage gestellt, die gerade in Deutschland einen hohen Ausbildungs- und Qualitätsstandard sicherstellten und die das Qualitätssiegel „Made in Germany“ prägten.

Ein Teil des Problems ist jedoch durchaus auch hausgemacht: Die wenigen der in der Vor-Golf-Generation neugegründeten künstlerisch anspruchsvollen Werkstätten der Nachkriegszeit fristeten lange Zeit eher ein belächeltes Außenseiterdasein, bevor die allgemeine Hinwendung zur historischen Aufführungspraxis auch ihre Auftragsbücher zunehmend füllten. Die Motivation dieser Betriebsgründer unterscheidet sich nur wenig von derjenigen, die in den vergangenen Blütejahren des Neohistorismus überaus zahlreich den Schritt in die Selbständigkeit wagten: Sie sahen in der Werkstätte, die sie ausbildete, keine Chancen, eigene Ideen und Impulse eigenverantwortlich umzusetzen. Anstatt künftig auf Dauer Zuträgerarbeit beim Bau großer Orgeln in ihrem Lehrbetrieb im Schatten von Chef, Chefkonstrukteur und Chefintonateur zu leisten, entschieden sie sich lieber für den Bau von eigenverantworteten Truhenorgeln und Positiven.

Der Preis ist hoch: Um überhaupt eine Chance zu haben, werden die ersten Aufträge unter den Selbstkosten bis hin zur Selbstausbeutung abgewickelt. Fast noch schlimmer: Durch den Auszug der in vollem Saft stehenden jungen Orgelbaugladiatoren bluten die Mutterwerkstätten aus, notwendige Impulse durch eine betriebsinterne Frischzellenkur bleiben aus. Die Dumping-Preise der Abtrünnigen beeinträchtigen den Wettbewerb – notwendige Investitionen in den größeren, kostenintensiven Werkstätten werden zurückgestellt, die Qualitätssicherung kann nicht weiter ausgebaut werden.

Sind schon die wirtschaftlich-strukturellen Rahmenbedingungen im Moment schwierig, gravierender noch wiegt die auch im Orgelbau grassierende Fansasie- und Perspektivenlosigkeit. Mit Helmut Schmidt tönt die Szene schon seit langem: „Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen“. Bornefeld und Bares blieben belächelte Exoten, ihr Erbe wurde bislang ausgeschlagen. Seit dem Neobarock feiert der Neo-Historismus insgesamt fröhliche Urständ: Italienisch nach Frescobaldi, französisch a la Dom Bedos oder Cavaillé Coll, Orgeln streng nach Schnitger, Silbermann oder Sauer – auf dem Papier kein Problem. Die Beschriftungen auf den Registerknöpfen sind jedoch häufig die einzigen stimmigen Zutaten beim Historiengemälde. Ganz Verwegene komponieren aus oberschwäbischen Prinzipalen, osteuropäischen Flöten, mitteldeutschen Streichern und frankophilen Walcker´schen Zungen (aber bitte vor 1850!) ihr Orgel-Lieblingsgericht und ziehen missionierend mit ihren beglückenden Selbsterfahrungen durchs Land. Französisch-sinfonische Konzepte bevölkern Räume mit Turnhallen-Akustik – zwar zur Freude der kaufmännischen, sicherlich nicht zur Zufriedenheit der künstlerischen Abteilung des ausführenden Orgelbaubetriebes. Das Wissen und Verstehen um Zusammenhänge findet man selten, dafür häufiger Eiche massiv in feuchten Flußauen-Kirchen (bald mit wunderschönen Bleizucker-Ausblühungen an den Pfeifen) oder gespundete Windladen im Stil des 17. Jahrhunderts in zentralbeheizten Altersheim-Kapellen.

Das Rad der aufgewärmten Neostile dreht sich erkennbar immer schneller. Nachdem Neobarock, französische Sinfonik und deutsche Romantik in Kennerkreisen bereits als „kalter Kaffee“ abgehakt sind, zieht die Karawane in Richtung Orgelbewegung weiter – es ist wohl nur die Frage einer kurzen Zeitspanne und des Profilierungsdrucks, bis man Orgeln nach Schulze&Kühn und Rößler rekonstruiert, um wieder „richtig“ Diestler und Pepping unterrichten und spielen zu können.

Die heute wieder weitverbreitete Intonationsart mit hohem Winddruck, weiten Kernspalten und zahlreichen Kernstichen oder gefeilten Kernen befördert das Mittelmaß: Viele moderne Orgeln klingen meist ziemlich gleichmäßig (wichtig für die Abnahmeprüfung!), häufig langweilig, aber auf jeden Fall einfach nur noch laut. Viele Organisten/-innen verwechseln auch heute noch Qualität mit Quantität, was zwar unübersichtliche, häufig recht billige Registerfriedhöfe entstehen lässt aber leider keine beseelten Klangpretiosen.

Positive Entwicklungen machen Hoffnung: Arbeitsgemeinschaften kleiner und mittlerer Betriebe führen die jeweils besten Kompetenzen zusammen, typisierte, preiswerte Kleinorgeln erschließen neue Marktsegmente - etwa für Gemeindezentren der Beton- und Fertigbauära, Friedhof-, Krankenhaus-, und Kapellen von Altenzentren - , professionell beworbene erfolgreiche Vorzeige-Orgelprojekte dienen als Vorbild und Motivation für andere, der Druck der Basis auf eine Erneuerung von Strukturen und damit Freisetzen von Kreativität wächst . Ein Vorteil der Rückbesinnung auf nicht allzu lange zurückliegende Epochen ist, dass zunehmend endlich auch bemerkenswerte Orgeln aus der Zwischenkriegs- und Wirtschaftswunderzeit erhalten werden und aus dem technischen Erbe situationsbezogen sinnvolle Konstruktionen (etwa aus der Elektropneumatik) auch bei Neubauten nicht länger tabuisiert werden.

II. Paulus statt Saulus - Versäumnisse und Chancen kirchlicher Orgelkultur

Eine der Forderungen des letztjährigen Kirchenmusik-Kongresses in Stuttgart war, eine stringente und systematische Theologie der Musik zu entwickeln . Die Defizite in diesem Bereich sind tatsächlich groß, hat doch die Kirchenmusik beispielsweise den Esoterikern das Feld und den Markt jahrzehntelang ideen- und kampflos überlassen. Ein Großteil des boomenden, offenbar Sehnsüchte und Bedürfnisse befriedigende einschlägigen meditativen und spirituellen Musikangebotes mit lange klingenden Akkordgeweben auf dem kompositorischen Niveau kleiner Kadenzen, über denen sich eingängige, simple Melodiebögen verlieren, ist nichts anderes als verbrämte Orgelmusik. Wie bei Richard Wagner entsteht der gewünschte „weihevolle“ Sound durch Adaption von Klangeigenschaften, die Jahrhunderte lang der Orgel vorbehalten waren: Vom Atmen müssen oder der Notwendigkeit des Bogenstrichs losgelöste, quasi unendliche Klänge, harmonikale Obertonbrechungen, changierende, variierende, emotionsbesetze Klangfarben, körperlose, sinnfreie, Seelen öffnende klingende Möglichkeiten der Transzendenzerfahrung.

Eine Orgel ist nichts anderes als die Materie gewordene Obertonreihe des Pythagoras, sie versöhnt die Dogmen der reinen Obertonintervalle mit denen der zwölfstufigen Tonskala des abendländischen Tonsystems zu einem organischen Gebilde. Es war die Orgel, welche die vorchristlichen griechischen und römischen Weltbilder musikalisch in das neue des christlichen Abendlandes integrierte, sie auf diese Weise entkräftete - ähnlich wie das auf den Kopf gestellte übergroße Pentagramm am Turm der mittelalterlichen Marktkirche in Hannover den Teufel bannte: Aus Saulus wurde Paulus. Lange Zeit wusste die Kirche diese Macht, die Herrschaft über die höchsten, tiefsten und lautesten von einem Musikinstrument produzierbaren Töne und Klänge zu nutzen, Orgelmusik konnte demnach seinerzeit vermutlich ähnliche Gefühls- und Körperreaktionen auslösen wie heutzutage open-air-Konzerte.

Es ist Zeit, die Orgel wieder als das Phänomen zu erfahren und begreifen, welches ihr den lange Zeit unangefochtenen Königinnenthron im Vollzug der Liturgie beschert hat. Das Nachbeten historischer Fingersätze, das Aufstellen neuer Weltrekorde in der Kategorie „Töne pro Minute“ oder der Ersatz endlich von „ihrer“ Orgelbank fallender Tastendrück-Methusaleme durch Taschengeld aufbessernde Keyboard-Umschüler wird die Zahl organophiler Zeitgenossen wohl nicht substantiell erhöhen. Dagegen kann „richtig“ ausgewählte und gespielte Orgelmusik Texte beseelen, theologische Aussagen verstärken und nachklingen lassen, dem Unaussprechlichen Gestalt verleihen, zum Begegnen und Begreifen liturgischer Handlungen öffnen, Geist und Gedanken frei machen für Begegnungen mit dem Unsichtbaren, Unerhörten, mit dem Glauben.

Manche gut ausgebildete, sensible und beseelte Organisten/-innen praktizieren solches, bewusst oder auch intuitiv. Vielen ist diese Dimension allerdings bislang verschlossen, sie wird weder gefordert noch gelehrt. Wie bei der Wortverkündigung oder dem Vollzug der Liturgie spüren viele Menschen auch den im Gottesdienst Musizierenden ab, ob sie nun als „tönendes Erz“ und „klingende Schelle“ Schallwellen absondern, oder ob diese als glaubhafte Verkündende agieren. Das mentale Einlassen auf die Botschaft, den Anlass, die „Schwingungen“ der jeweiligen Situation, das Reagieren und Umsetzen beim Spiel – sei es durch spontane Tempowahl, Artikulation oder Registrierung eines Chorales, eines vorab ausgewählten Stückes oder durch Improvisation ist wesentlich wirkungsvoller als die größte technokratische Kunst- und Fingerfertigkeit. Ein in diesem Sinne dargebotenes zweistimmiges Bicinium ist im gottesdienstlichen Vollzug mit Sicherheit erheblich segensreicher als ein mühsam durchbuchstabiertes Literaturstück, dem man beim Hören die Angst oder das Unvermögen des/der Darbietenden abspürt. In gut protestantischem Sinne sind gerade die kirchlichen Musikausübenden als Co-Liturgen zum „Priestertum aller Gläubigen“ berufen und sollen diese Berufung in aller Vollmacht ausüben. In der Aus- und Fortbildung gehört die Vermittlung des spieltechnischen Handwerkszeugs und einer exerzitienverwandten Entwicklung in der Übekultur zur Selbstverständlichkeit. Um des Erhaltes einer glaubwürdigen kirchlichen Musikkultur willen muss künftig aber gleichzeitig auch der Persönlichkeits- und Charismenbildung absolute Priorität eingeräumt werden, sodass Energie konzentrierendes und freisetzendes Fühlen und Wollen beim Musizieren nicht alleine der zufälligen persönlichen Begabung der Lernenden vorbehalten bleibt und zum Segen der Gemeinden wirksam werden kann. Vielleicht erkennen diese dann auch den Nutzen, in gute Kirchenmusiker/-innen und gute Instrumente zu investieren statt sehnsüchtig auf die vermeintliche Heilsbringungen der Popularmusik zu schielen . Orgelspiel – gutes aber leider auch schlechtes - ist Markenzeichen und Teil der corporate identity von Kirche, macht das Geschehen unverwechselbar und ist selbst für Kirchenferne zumindest bei Kasualien unverzichtbar.

Orgelkonzertreihen haben ein vergleichsweise kleines Publikum, was vielerorts sogar noch am Schwinden ist. Veranstaltungen mit stundenlangem unsichtbarem Spiel von sperriger Literatur oder Choralbearbeitungen, deren Melodien die meisten Hörenden inzwischen nicht mehr kennen, sind zunehmend out. Einschlägige Bearbeitungen romantischer Orchester- oder Klavierwerke für Orgel wie der „Walkürenritt“ oder „Bilder einer Ausstellung“ befriedigen vielleicht die Sensationslust gewisser Hörerkreise und den Nervenkitzel der Spielenden, ob die häuslichen Theologen den Programmtitel samt Ideologie vielleicht doch einmal hinterfragen, passen aber eigentlich nicht in die Kirche. Die dargebotende „zeitgenössische“ Orgelmusik ist häufig mindestens 50 Jahre alt. Kompositorische Impulse, die auch an den Orgelklang und –bau neue Herausforderungen stellen könnten, sind rar.

Steigende Hörerzahlen werden dort vermeldet, wo das Publikum vor und während des Konzertes einbezogen und ernst genommen wird – sei es durch das „blaue Sofa“, auf dem vor dem Konzert Künstler und Interviewer eine Art talkshow zum Programm veranstalten – Zwischenfragen erwünscht - , durch Videoübertragung des Orgelspiels auf eine gut sichtbare Leinwand, oder durch eine Art Conferencier, der durch das Programm führt und beispielsweise auf einer Truhenorgel Motive anspielt und erläutert.

III. Aufbruch oder Absturz – die Verantwortung der Akteure

Die Voraussetzungen, erstklassige Instrumente herzustellen und auf ihnen Orgelmusik in hoher Qualität darzubieten, waren noch nie so gut wie heute. Rohmaterialien wie Holz oder Zinn sind in ausgesuchter Qualität und ausreichend vorhanden. Technische Hilfsmittel wie PC oder CAD erleichtern Kommunikation, Konstruktion und Berechnungen. Motivierte, häufig junge Orgelbauer engagieren sich bis zur Selbstaufgabe in ihrem Beruf. Die Forschung eröffnet Zugänge zu einem schier unüberschaubaren Fundus von Quellen und Vorbildern für unterschiedlichste Orgelstile, die dank unbegrenzter Mobilität und Wegfall des „Eisernen Vorhanges“ besucht und bewundert werden können. Die Fachverlage übertreffen sich mit Neuauflagen oder Erstausgaben von Orgelmusik aller Jahrhunderte und für alle Geschmäcker. An den Hochschulen findet jede erdenkliche Stilrichtung professorale Würdigung. Und nicht zuletzt hat die deutsche Gesellschaft ein immenses Vermögen angehäuft – es ist nur etwas anders verteilt als in früheren Jahrzehnten und kann oft nur noch mit professioneller Hilfe erschlossen werden .

Mehr denn je gilt es, das Interesse für die Orgel, ihre Geschichte, ihren Bau und für ihre Musik in unserer Gesellschaft wieder zu wecken. Orgelmuseen, Orgelsommer und –herbste, die Gesellschaft der Orgelfreunde und andere leisten hier zum Teil schon seit Jahren eine wichtige Arbeit. In Zukunft muss sich der Orgelbau selbst verstärkt in eine positive Öffentlichkeitsarbeit einbringen. Es nutzt nichts, darüber zu jammern, dass bei einer Reinigung oder Generalüberholung, zum Teil auch beim Neubau, sich niemand aus der Gemeinde auf der Orgelempore sehen lässt (teilweise erscheinen dort sogar die nebenamtlichen Organisten/-innen oder die Pfarrer/-innen nicht); stattdessen könnte die Orgelbaufirma der Gemeinde ein fertiges Programm für einen „Orgelnachmittag“ vorlegen, der auf Kinder samt Anhang oder Senioren zugeschnitten ist. Wenn die Verantwortlichen in der Gemeinde sehen, dass hier mit wenig eigenem Aufwand die Kirche zu füllen ist, stimmen sie sicherlich gerne zu. Mit einem solchen Projekt kann sowohl die Generation angesprochen werden, die heute Orgelprojekte finanziert oder zu finanzieren in der Lage wäre als auch die, die hoffentlich künftig die in der Orgel verborgene Faszination weiter trägt. Professionelle Öffentlichkeitsarbeit kann nicht von jedem Betrieb geleistet werden – hier sind stellvertretend die Verbände gefragt – zum einen, um Material zur Verfügung zu stellen, zum anderen, um selbst Präsenz auf kirchennahen Messen und Großveranstaltungen zu zeigen.

Die Vereinigung der Orgelsachverständigen Deutschlands (VOD) plant zusammen mit Partnern das Einrichten einer Internet-Plattform mit dem Label „Deutscher Orgeltag“. Mit der Deutschen Stiftung Denkmalschutz wurde bereits vereinbart, dass Veranstaltungen künftig unter diesem Titel am „Tag des Denkmals“ stattfinden können, an welchem ohnehin zahlreiche Kulturinteressierte unterwegs sind. Die Homepage soll als Ideengeber für höchst unterschiedliche Veranstaltungen und Programme dienen, aus denen sich interessierte Gemeinden, Musizierende und Orgelbaubetriebe das für sie jeweils geeignet erscheinende Material heraussuchen können. Außerdem sollen von den Nutzern die eigenen Veranstaltungen mit Orgelmusik eingestellt werden können, damit ein überregionaler Informationsaustausch für das zunehmend mobile Publikum möglich sein wird.

Deutschland besitzt ein reiches Erbe an geschichtlichen Zeugnissen – auch im Bereich des Orgelbaus. Aus aller Welt finden sich Organologen, Wissenschaftler, Organisten und Orgelbauer ein, um dieses Erbe zu studieren und aus ihm zu lernen. Nicht ohne Grund gibt es hierzulande eine ganze Reihe von Organisationen und Einrichtungen, die sich intensiv mit Orgelfragen beschäftigen. Neben den das Fach Orgelspiel unterrichtenden Hochschulen und Ausbildungsstätten sind dies beispielsweise die oben zum Teil bereits genannten Organisationen GdO, BDO und VOD, die Internationale Arbeitsgemeinschaft für Orgeldokumentation (IAOD), eine Abteilung des Fraunhofer-Instituts, die Sektion „Musikinstrumente“ im Deutschen Restauratorenverband (DRV), der Studiengang „OrganExpert“, die Fachschule für Orgelbau in Ludwigsburg, zahlreiche Akademien, Vereine mit zum Teil internationalem Anspruch, Verlage und Agenturen. Dieser Flickenteppich einzelner Spielwiesen muss vernetzt, Synergieeffekte genutzt und politischer Einfluss gewonnen werden.

Kirchenmusiker/-innen sind dabei ein wichtiges Glied in der Kette: Sie bestimmen mit, ob, wie oder durch wen und in welcher Qualität eine Orgel restauriert oder neu gebaut wird und damit letztlich auch, welche und wie viele Arbeitsplätze im Orgelbau erhalten werden. Sie sind die Charismaträger vor Ort, welche Menschen begeistern, sich für Orgelprojekte ehrenamtlich oder finanziell einzusetzen. Sie tragen mit die Verantwortung, ob die Rettung und die Weiterentwicklung der Orgelkultur in Deutschland vielleicht noch gelingen kann.

Musik&Kirche 2010